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Afghanistan: Scheitern auf der ganzen Linie

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Nach gut 20 Jahren ist Afghanistan erneut in die Hände der islamischen Taliban-Miliz geraten, die dort nun das Kalifat ausruft. Knapp dreieinhalb Monate hat es nach nach dem Abzug der ausländichen Truppen gedauert, bis der Widerstand der militärisch hochgerüsteten, zahlenmäßig weit überlegenen und von NATO-Militärexperten ausgebildeten Regierungsarmee zusammengebrochen ist. Weitgehend kampflos haben die afghanischen Streitkräfte in vielen Fällen das Weite gesucht.

Eine moralische Niederlage

Wie konnte das passieren, lautet nun die große Frage. Vom US-Präsidenten Biden über Kanzlerin Merkel bis zum deutschen Außenminister und den Nachrichtendiensten der NATO-Staaten müssen alle mehr oder minder kleinlaut zugeben, dass sie die Lage falsch eingeschätzt haben. Die ganze Armada von Geheimdiensten, Beraterstäben und Politik-Thinktanks steht da wie begossene Pudel. Die Hauptleidtragenden dieses folgenschweren Irrtums sind im Moment die sogenannten Ortskräfte, die einheimischen Mitarbeiter der Militäreinheiten und Nicht-Regierungsorganisation, die darauf gesetzt haben, rechtzeitig von ihren Arbeit- und Auftraggebern in Sicherheit gebracht zu werden, am Ende jedoch zurückgelassen wurden und nun um ihr Leben fürchten müssen. Hastig wird jetzt versucht, zu retten, wer noch zu retten ist, nachdem man im hierzulande Wochen und Monate zuvor alle erdenkliche bürokratischen Hürden aufbaute, um diesen Menschen den Weg ins sichere Deutschland zu erschweren. Nicht zuletzt vor dem Hintergrund des anstehenden Wahlkampfes tönte es etwa aus dem Innenministerium, 2015 dürfe sich nicht wiederholen. Das klingt angesichts der –nicht erst seit kurzem – lebensbedrohlichen Situation vieler einheimischer Helfer zynisch, zumal nicht Millionen vor den deutschen Grenzen stehen, wie im Jahr 2015, sondern einige Tausende, die den westlichen Einsatz in Afghanistan erst mit ermöglicht haben. Der Durchmarsch der islamischen Taliban ist vor diesem Hintergrund nicht nur eine militärische und politische, sondern auch eine moralische Niederlage Deutschlands und des ganzen Westens. Afghanistan 2021 ist ein Scheitern auf der ganzen Linie für den Westen und sein Militärbündnis, die NATO.

War es das wert?

Was hat der 20jährige Einsatz in Afghanistan gebracht? Waren die Opfer, Tausende gefallene US- und auch afghanische Soldaten und 59 tote Bundeswehrangehörige, den Einsatz wert, lautet nun eine der meist gestellten Fragen? Sie lässt sich nicht eindeutig beantworten. Vielerorts haben sich die Lebensbedingungen für die afghanische Bevölkerung verbessert, Mädchen konnten zur Schule gehen, Frauen hatten die Möglichkeit zu studieren und ihren Beruf ausüben, es gab zumindest ansatzweise eine freie Presse, freie Wahlen, eine gewisse Rechtssicherheit. Es darf dabei jedoch nicht vergessen werden, dass der Krieg nie beendet werden konnte. Anschläge und Angriffe der Taliban haben immer wieder militärische und zivile Opfer gefordert. Auch herrschten teilweise weiterhin die rigiden Scharia-Gesetze, auf Abfall vom Islam oder auf Ehebruch stand die Todesstrafe und wurde, zumal in den ländlichen Gebieten, immer wieder auch vollstreckt. Afghanistan war auch unter der Präsenz der NATO-Truppen weit davon entfernt, eine plurale Demokratie nach westlichem Muster zu sein.

Flucht der Eliten

Rückblick: In den knapp eineinhalb Jahrzehnten Bürgerkrieg nach dem Einmarsch der sowjetischen Truppen im Jahr 1978 war das Land ausgeblutet, zerbombt, zerstört. Die westlich orientierten Bildungseliten sind nach der Niederlage des prosowjetischen Nadschibullah-Regimes in großer Zahl gen Westen oder nach Russland geflüchtet. Sie waren die Protagonisten der afghanischen Modernisierung in den 1970er und 1980er Jahren. Nach der Intervention der NATO-Truppen im Jahr 2001 ist eine neue urbane Elite entstanden, akademisch gebildete Repräsentanten eines urbanen westlichen Lebensstils in den großen Städten Afghanistans, die in den 20 Jahren der NATO-Truppen Präsenz zu neuem Leben erblüht sind. Diese Eliten leiden nun am meisten unter der Rückkehr der Taliban. Jene von ihnen, die sich jetzt nicht außer Landes retten können, aber den talibanischen Säuberungen entkommen, werden versuchen, doch noch in den Westen zu gelangen.

Modernisierung gescheitert

Afghanistan wird zurückfallen in die Agonie eines muslimischen Kalifats, ohne individuelle Freiheiten, ohne technologischen und sozialen Fortschritt, erdrückt von den erbarmungslosen Gesetzen der Scharia. Die Mehrheit der Bevölkerung indes wird mit diesem Zustand, der ihrem sozialkulturellen Horizont und ihrem Wertesystem entspricht, gut leben können, solange wenigstens der Krieg beendet ist. Denn die afghanische Bevölkerungsmehrheit hat kein Interesse an einer Modernisierung nach westlichem Muster und ist deshalb ein steter Quell neuer Generationen von radikalen Koranschülern, Taliban eben, die nach Absolvierung ihrer religiösen Studien in den pakistanischen Madrasas zurückkehren, um eine Ordnung nach den Gesetzen der islamischen Lehre zu schaffen, wie sie es in ihren Ausbildungsstätten gelernt haben. Jeder Versuch einer breiter angelegten Modernisierung in Afghanistan wird sich an diesem tief in der afghanischen Bevölkerung verwurzelten Geist die Zähne ausbeißen. Nation-Building nach westlichem Muster ist in Afghanistan zum Scheitern verurteilt. Lediglich Despoten und Despotien können eine gewisse Stabilität garantieren.
Das gilt nicht nur für Afghanistan. Auch im Irak und in Libyen wollte man mit der Zerschlagung der herrschenden Despotien vermeintlich die Voraussetzung für eine Staatsform nach westlichem Ideal schaffen. Aus den Trümmern erhob sich jedoch kein demokratischer Phoenix sondern das System der Clanherrschaft, der Korruption, des Stammesdünkel und des religiösen Extremismus. Nein, nicht aller Rückschritt, nicht alle Kriege, nicht aller Extremismus im Nahen und Mittleren Osten ist dem Westen und seinem NATO-Militärbündniss anzulasten. Aber der Westen hat für diese Kriege und Krisen kein Rezept, er hat sie eher noch angefacht, anstatt sie zu beenden. Dass es in Syrien nicht zu einem Durchmarsch der islamistischen Gruppen kam, dass es bei allem Schrecken des Krieges nicht zu einem zweiten Libyen geworden ist, sondern langsam wieder so etwas wie ein Staat die Hoheitsgewalt im größten Teil des Landes ausübt, ist nicht dem Westen, sondern dem viel gescholtenen Wladimir Putin zu verdanken. Er hat jenen gestützt hat, der einzig eine gewisse Sicherheit und Stabilität für alle Bevölkerungsgruppen garantieren kann: Assad. Man muss ihn trotzdem nicht mögen.
Mit dem Sieg der Taliban in Afghanistan ist die Politik des Westens im Nahen und Mittleren Osten endgültig und offensichtlich gescheitert. Ob dies ein Umdenken bewirken wird, ist leider fraglich. Denn stärker als die Vernunft ist meistens die Gier. Und dabei geht es um die Sicherung von politischen und ökonomischen Einflusssphären, um ÖL, Gas, um Pipelines, Rohstoffe und Absatzmärkte. Wenn auch gewisse politische Einsichten, wie seit Trump in den USA, eher in Richtung Selbstgenügsamkeit drängen, so drängen die Gesetze des marktwirtschaftlichen Kapitalismus auf Ausdehnung. Man hat bei einem Teil der afghanischen Bevölkerung, auch wenn es nur ein kleiner Teil ist, Hoffnung auf ein freieres Leben geweckt. Denen, die sich in der Öffentlichkeit dafür eingesetzt haben und insbesondere jenen, die die westlichen Truppen, Organisationen und NGO's unterstützt und für sie gearbeitet haben, ist der Westen verpflichtet. Es gilt, so viele von ihnen wie möglich vor dem Zugriff ihrer Verfolger zu retten. Dass das nicht schon längst und rechtzeitig geschehen ist und in vielen Fällen wohl auch nicht gelingen wird, ist eine Schande und eine Schuldenlast der internationalen Politik. Sie wird am Westen und seiner Politik kleben bleiben.

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