Aus dem deutschen Vorschlag, die Souveränität über die griechische Haushaltspolitik an einem EU-Kommissar abzutreten, wird erst einmal nichts. Die Griechen dürfen sich auch weiterhin eigenverantwortlich zu Tode sparen.
„Griechenland liefert nicht“, ist wieder einmal auf dem derzeit tagenden EU-Sondergipfel zum Thema „Europäische Fiskalpolitik“ in Brüssel zu hören, und damit meinen die Europa-Akteure natürlich, dass das Balkanland seinen Verpflichtungen zur Haushalts-Konsolidierung nicht in ausreichendem Maße nachkommt.
Gauleiter für Griechenland?
Vor diesem Hintergrund ist schon am Sonntag der Vorschlag aus deutschen Regierungskreisen laut geworden, dem krisengeschüttelten Mittelmeerland einen EU-Kommissar aufs Auge zu drücken, dem es die Souveränität in Haushaltsfragen zu übertragen habe. Derartige Forderungen aus Deutschland rufen bei vielen Griechen natürlich böse Erinnerungen an eine Zeit wach, in der Deutschland schon einmal das Sagen im Land hatte. Der Vorschlag hat daher nicht nur in Griechenland selbst, sondern auch bei anderen EU-Mitgliedern Kritik und Empörung ausgelöst. Deshalb rudert Merkel jetzt zurück: „’Ich glaube, dass wir eine Diskussion führen, die wir nicht führen sollten’, sagte sie am Montag vor dem informellen EU-Gipfel in Brüssel auf die Frage nach dem deutschen Vorschlag eines Sparkommissars. ‚Alles geht nur, indem Griechenland und andere Staaten miteinander diskutieren.’ Deshalb wolle sie keine kontroverse Debatte“ (Quelle: Focus-Online).
Dieser Schuss ist damit zwar erst einmal nach hinten losgegangen, aus dem „Gauleiter für Griechenland, wie es Tomasz Konicz vom Online-Magazin „Telepolis“ formuliert, wird wohl vorerst nichts.
Rechnung ohne die Banken gemacht
Trotzdem wird man dem Land weitere Sparmaßnahmen auferlegen und damit drohen, widrigenfalls den Rettungsschirm zuzuklappen. Im Prinzip wissen die EU-Akteure, dass auch ein europäisch-deutsches Protektorat an dem Finanzdesaster nicht viel ändern könnte. Im Gegenteil: Damit übernähme die EU die Verantwortung für alle Katastrophen, die noch kommen werden; jetzt kann man sie immerhin noch den vermeintlich reform-unwilligen Griechen selbst in die Schuhe schieben.
Im Prinzip wissen die EU-Akteure, dass auch ein europäisch-deutsches Protektorat an dem Finanzdesaster nicht viel ändern könnte.
Und so macht man Auszahlung eines weiteren Hilfspakets der Euroländer und des IWF in Höhe von 130 Milliarden Euro zunächst von einer Einigung Griechenlands mit seinen privaten Gläubigern abhängig: Jene sollen auf rund 50 Prozent ihrer Forderungen zu verzichten. Doch diese Rechnung haben EU und IWF bisher ohne die Banken gemacht.
Griechenlands Wirtschaft am Abgrund
Der griechischen Bevölkerung steht indes das Wasser schon jetzt bis zum Hals und man fragt sich, wie lange sich die Menschen weiter in die Armut treiben lassen, ohne dass es zu einer sozialen Explosion größeren Ausmaßes kommt. Fakt ist, dass schon die bisherigen Sparmaßnahmen zu einem desatrösen Niedergang der griechischen Wirtschaft geführt haben.
Die Wirtschaftsleistung des Landes schrumpfte 2011 um 5,5 Prozent, die Arbeitslosigkeit lag offiziell bei 15,4 Prozent. Für dieses Jahr wird ein Anstieg auf rund 17 Prozent erwartet. Griechenland spart sich zu Tode.
Ein negatives Wirtschaftswachstum vor dem Hintergrund steigender Neuverschuldung von etwa 11 Prozent und einer Staatsverschuldung von rund 160 Prozent vom Bruttoinlandsprodukt (BIP), das lässt doch berechtigte Zweifel an der Fähigkeit Griechenlands aufkommen, in den nächsten Jahren überhaupt einmal wieder in der Lage zu sein, zuverlässig den Schuldendienst leisten und gleichzeitig die notwenigsten Staatsausgaben finanzieren zu können. Stefan Frank von der Zeitschrift „konkret“ merkt dazu an: „Noch nie hat ein Land ein solches Schuldenniveau erreicht, ohne Bankrott zu machen. Die Frage ist also nur: Steht Griechenland am wirtschaftlichen Abgrund oder hat es bereits einen weitern Schritt nach vorn gemacht?
Wahl zwischen Pest und Cholera
Die Lage ist auf jeden Fall verfahren. Weiteres Sparen wird die wirtschaftliche Talfahrt und die weitere Verarmung der Griechen nur noch beschleunigen. Beugt sich die griechische Regierung dem Sparzwang nicht, werden IWF und EU möglicherweise den Kredithahn zudrehen, das Land wäre bankrott.
De facto ist es das ja bereits. Nur könnte ein Eingeständnis des Unvermeidbaren schnell eine Kettenreaktionen-, beziehungsweise eine „ökonomische Kernschmelze“ auslösen, wie es der US-Ökonom und ehemalige Verwalter des US-Bankenrettungsprogramms Neel Kashkari sinngemäß formuliert hat: Werde der Bankrott Griechenlands verkündet, stießen im selben Moment die Gläubiger anderer angeschlagener EU-Staaten ihre Anleihen ab, eine ökonomische Katastrophe.
Lieber ein Ende mit Schrecken?
Möglicherweise wird Griechenland irgendwann nicht umhin kommen, entweder den Bankrott zu erklären oder zur eigenen Währung zurückzukehren, vielleicht auch beides gleichzeitig. Ein Ausstieg aus der Eurozone hätte zumindest den Vorteil, Griechenland via Abwertung der Drachma wieder konkurrenzfähig auf den internationalen Warenmärkten zu machen. Und das Anwerfen der Notenpresse würde es dem Land zumindest kurzfristig ermöglichen, Staatsausgaben zu tätigen und das eigene Personal im öffentlichen Sektor zu bezahlen.
Ein derartiges Szenario könnte, wie Währungsexperte Manfred Neumann in Focus-Online beschreibt, folgendermaßen aussehen: „’Um ein panikartiges Abräumen der Euro-Guthaben bei Banken zu vermeiden, müsste die Regierung in Athen die Rückkehr zur Drachme heimlich vorbereiten. Am besten führt man die Währungsreform an den Weihnachtsfeiertagen durch.’ Man müsse dann das ganze Land abschotten. Die Grenzen müssten geschlossen werden, Banküberweisungen wären verboten, um den Abfluss von Geldern einzudämmen. Auch der internationale Flug- und Bahnverkehr würde eingestellt. „Um die neuen Scheine zu drucken, braucht man etwa drei Tage“, sagt Neumann.“
Zu denjenigen Ökonomen, die ein solchen Schritt fordern, gehört beispielsweise auch Hans Werner Sinn, Präsident des Münchner ifo Instituts, der bei Politik und Medien seither nicht mehr ganz so beliebt ist wie vorher. „Die Griechen haben keine Chance, im Euro-Raum wettbewerbsfähig zu werden. Sie müssten ihre Löhne um die Hälfte senken. Das geht nur durch Austritt und Abwertung“ sagt Sinn.
Weiter wursteln
Das hören jedoch die umtriebige Euro-Retterin Angela Merkel – inzwischen von der “Frankfurter Allgemeinen Zeitung” (FAZ) zur “Eisernen Lady Europas” geadelt und ihr französischer Kollege Nikolas Sarkozy gar nicht gern. Befürchtet wird erstens, das dadurch die Idee der europäischen Einigung Schaden nähme. Und zweitens „hat sich spätestens seit 2008 die Vorstellung durchgesetzt, dass Banken und ihre Aktionäre um jeden Preis vor Aufregung geschützt werden müssten, weil sie sonst gleich wieder Depressionen bekommen und womöglich den Rest der Welt damit anstecken können“. (Stefan Frank in konkret 7/2011). Also wird man vorerst weiter wursteln. Arme Griechen!
Welt-Online: “Der Zorn der Griechen auf die deutschen ‘Oberlehrer‘.” Hier klicken!
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