Jan 27 2012
Redaktion
Gesundheit rationieren. Oder: “Frauen und Kinder zuerst”
„Frauen und Kinder zuerst“ betitelt die Hannoversche Allgemeine Zeitung (HAZ) in ihrer heutigen Ausgabe ein Interview mit Benno Ure und J. Matthias Graf von Schulenburg. Ure ist Direktor des Zentrums für Kinderchirurgie der Medizinischen Hochschule Hannover und der Kinderklinik auf der Bult, von Schulenburg seines Zeichens Gesundheitsökonom an der Leibniz-Universität Hannover. Unsere Gesellschaft müsse offen über Rationierungsmaßnahmen im Gesundheitswesen diskutieren, fordern die Wissenschaftler. Dabei gelte es, entsprechende Kriterien zu finden. Vorgeschlagen wird, medizinische Maßnahmen mit dem Gewinn an Lebensqualität aufzurechnen. “Beim Schiffsunglück heißt es ja auch, Frauen und Kinder zuerst, obwohl damit Männer diskriminiert werden”, meint von Schulenburg.
Von dem Grundsatz, allen unabhängig des Alters und der Brieftasche die bestmöglichste Gesundheitsversorgung zukommen zu lassen, hat sich unser Sozialsystem längst verabschiedet. Seit Jahren schon „erleben wir eine enorme Ökonomisierung der Medizin“, hat auch Benno Ure beobachtet. 70 Prozent der Mediziner würden bereits heute die Behandlung rationieren, sagt er in einem Interview mit der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung (HAZ). J. Matthias Graf von Schulenburg pflichtet ihm bei: Ärzte ständen unter ökonomischem Druck und könnten nicht immer die Therapie wählen, die sie medizinisch für richtig halten. Thematisiert werde das jedoch nicht, weil man Angst vor einem Konflikt mit dem Arbeitgeber und dem Vertrauensverlust der Patienten habe.
Wie ein Tsumani
Ure und von Schulenburg fordern indes mehr Offenheit der Ärzte im Umgang mit den Rationierungsmaßnahmen, die ihrer Auffassung zufolge in Zukunft eher noch zunehmen werden. Von Schulenburg: „Die Babyboomer, geboren in den sechziger Jahren, kommen in den nächsten Jahren ins Rentenalter. Nach 2020 wird der Babyboomer-Effekt wie ein Tsunami über die Krankenkassen hinweggehen“.
Im Klartext kann das ja nur heißen: Kürzen oder absaufen. Demzufolge kommt der natürliche Alterungsprozess der geburtenstärkeren Jahrgänge aus den 1950er und 1960er Jahren im Gesundheitswesen einer Naturkatastrophe gleich. Kürzen und rationieren muss sein, da kann man nichts machen, so die Message. Nur über die Frage wie und wo mag noch Diskussionsbedarf herrschen.
Vorschläge liegen auf dem Tisch: Beispielsweise jener, bei 70 oder 75-jährigen Patienten keine Operationen mehr durchzuführen oder keine teuren Medikamente mehr zu finanzieren. Geht nicht, meinen die beiden Wissenschaftler im HAZ-Interview. Eine Altersbeschränkung, etwa bei Transplantationen, Prothesen oder teuren Medikamenten, lässt sich ihrer Meinung nach derzeit nicht durchsetzen, da das gegen geltendes EU-Recht verstößt. Daher müsse man eine Kosten-Nutzenrechnung aufstellen. Entscheidend sei, welche zusätzliche Lebenserwartung und Lebensqualität eine Behandlung biete: Was wenig Nutzen hat, falle durchs Raster. Lebensqualität kann man heutzutage gut messen, versichern die beiden Wissenschaftler. Von Schulenburg: „Die Forschung der Lebensqualität ist sehr weit. Es gibt ein Maß, das international akzeptiert wird. Nur schrecken wir noch vor seiner Anwendung zurück.“
Kosten-Nutzen-Rechnung
Erschreckend dürfte es in der Tat sein, wenn die Lebensqualität vielleicht schon in naher Zukunft von Expertenkommissionen in Valenzskalen quantifiziert wird und das darüber entscheidet, ob beispielsweise eine bestimmte chronische Erkrankung den Betreffenden beeinträchtigt oder nicht. Ure und von Schulenburg dürften wissen: Eine Quantifizierung von Lebensqualität steht auch wissenschaftlich auf sehr dünnem Eis. Denn hier versucht man etwas zu quantifizieren, was sowohl persönlich-lebensgeschichtlich als auch sozial und gesellschaftlich einem ständigen Wandlungsprozess unterliegt. Und dabei letztlich immer nur auf eine spezifische Situation bezogen, persönlich, um nicht zu sagen: subjektiv, beurteilt werden kann.
Doch in Großbritannien ist ein entsprechendes Verfahren bereits Realität: Über die Finanzierung einer Therapie, die mit mehr als 30.000 Pfund pro „lebensgewichtetem Lebensjahr“ zu Buche schlägt, entscheidet ein Gremium. Etwas Ähnliches können sich Ure und von Schulenberg auch hier vorstellen: „Wenn wir beispielsweise wissen, dass ein neues Krebsmedikament 40.000 Euro mehr kostet als das Vergleichsmedikament, aber der Zusatznutzen darin besteht, dass der Tumor zwei Monate lang nicht wächst – dann müssen wir uns fragen, ob diese Kosten gerechtfertigt sind und von der Gemeinschaft getragen werden sollen“, meint von Schulenburg.
Die Hunde – „schlechte Wächter des Wurstvorrats“
Zwei Monate mehr oder weniger, dass hört sich ja nicht so dramatisch an. Was aber, wenn eine Kommission ganz andere Größen anlegt. Ist es der Gemeinschaft zuzumuten, für ein Vierteljahr länger derartige Kosten zu tragen? Oder für ein halbes Jahr? Wer die medizinische Behandlung einer Kosten-Nutzen Rechnung unterwirft, rechnet letztlich immer ökonomische gegen Aspekte der Humanität auf. Und wenn es ums Geld geht, wird der bedürftige Mensch zu einem abstrakten Wirtschaftfaktor, dessen Recht auf Leben und auf Gesundheit desto weniger wert ist, desto knapper es vermeintlich um die öffentlichen Haushalte steht. Ure und von Schulenburg raten daher auch davon ab, solche Entscheidungen den Medizinern zu überlassen. Da könnte der hippokratische Eid dem Kosten-Nutzen-Denken wohlmöglich in die Quere kommen. Schließlich sind „Hunde die schlechtesten Wächter des Wurstvorrats“, wie von Schulenburg zu bedenken gibt. Die Politik müsse sagen, wo es lang geht.
Rationieren bedeutet nicht zuletzt zumessen. Wer Gesundheitsfürsorge rationieren will, muss medizinische Maßnahmen zumessen. Ure, von Schulenburg und andere begründen das mit Knappheit. Knappheit? Knappheit woran? Ist der gesamtgesellschaftliche Reichtum in den letzten Jahrzehnten nicht enorm gewachsen. Ist nicht die Produktivität auf geradezu revolutionäre Weise seit dem Siegszug der Informationstechnologie gestiegen. Der Kuchen ist größer geworden, knapper daran lediglich der Anteil jener, die ohnehin abhängig sind.
Zu diskutieren wäre also zuvorderst über gerechtere – sprich humane – Modi der Verteilung.
Quelle: HAZ