Feb 21 2015

Tsipras macht den Kotau

Griechische Gasse
Dass die neue Athener Regierung über kurz oder lang die weiße Fahne hissen würde, war zu erwarten. Beeindruckend ist allerdings, wie schnell die Tsipras-Truppe vor den Austeritätsforderungen der EU-Troika und ihres Mentors Wolfgang Schäuble eingeknickt ist. Es ist wahr, dass keine der möglichen Optionen Griechenlands, vom Schuldenschnitt bis hin zum Ausstieg aus dem Euro, schnell alle ökonomischen und sozialen Probleme gelöst hätte. Aber wahr ist auch: ein weiterer sozialer Kahlschlag, wie von Schäuble und Co gefordert, wird das Land auf längere Sicht nur noch mehr in die Krise stürzen.
Die Ergebnisse solcher Strukturreformen unter Regie von IWF und Weltbank lassen sich in den gescheiterten Staaten Afrikas besichtigen: Operation gelungen, Patient tot. Fast alle Länder, die in den 1980er und 90er Jahren dieser ökonomischen Rosskur unterzogen wurden, befinden sich seit Langem in Auflösungsprozessen, zerfressen von Kriegen, Bürgerkriegen und Terrorismus.
Es gibt kein einziges gelungenes Beispiel für die Therapie, die Griechenland verordnet wird. Alexis Tsipras und seine Minister wissen das. Trotzdem scheint ihnen das Nachgeben vor dem ansonsten drohenden Staatsbankrott das kleinere Übel zu sein. Dabei wäre der Bankrott vermutlich der einzige Weg für eine grundsätzliche Kurskorrektur gewesen. Die Banken und EU-Institutionen hätten Farbe bekennen müssen: Schuldenschnitt oder Grexit. Statt dem Ende mit Schrecken droht jetzt unter der vom Parteienbündnis Syriza geführten Koalition ein weiterer Schrecken ohne Ende.
Jene, die Alexis Tsipras in Hoffung auf einen Politikwechsel ihre Stimme gegeben haben, werden sich verraten und verkauft fühlen. Der prinzipielle Vertrauensverlust in die Politik aber läutet das Ende des demokratischen Systems ein und ist erste Schritt ins Chaos.

Erben des Untergangs

Wolfgang Schäuble mag im Angesicht seines Sieges über die Niederlage der Tsipras-Regierung und über ihren Athener Kotau spotten: „”Regieren ist ein Rendezvous mit der Realität”. Über kurz oder lang wird ihm beziehungsweise seinen Nachfolgern diese „Realität“ krachend um die Ohren fliegen. Ein Europa, worin sich einige ganz wenige hoch industrialisierte Exportnationen – wie insbesondere Deutschland – an den ökonomisch schwachen Ländern schadlos halten, wird scheitern. Die Griechen, Spanier und Portugiesen werden es auf Dauer nicht hinnehmen, sozial und wirtschaftlich weiter zu verelenden, während Deutschland seine wirtschaftlichen (und politischen) Muskeln spielen.
Zwei Möglichkeiten gäbe es, den absehbaren Niedergang Europas vielleicht noch aufzuhalten. Eine läge darin, die armen Regionen Europas über einen sehr langen Zeitraum hinweg mit Transferleistungen zu fördern. Das wäre teuer und müsste den Leuten hierzulande plausibel gemacht werden. Aber wo ein Wille ist, ist auch ein Weg. Die andere Möglichkeit wäre der Ausstieg von Ländern wie Griechenland aus der europäischen Gemeinschaftswährung. Das würde ihnen perspektivisch wieder die Möglichkeit eröffnen, durch eine nationalstaatliche Wirtschafts- und Finanzpolitik die großen wirtschaftlichen Strukturunterschiede zu den europäischen Zentren auszugleichen.
Der Sieg der europäischen Austeritätspolitik über die Syriza-Regierung hingegen ist ein Pyrrhussieg. Kommende Generationen werden den Untergang der europäischen Idee beerben.

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Feb 18 2015

Über das Fasten und wozu es gut ist

Sanddüne in der Wüste

Heute beginnt die Fastenzeit – und alle machen mit. Na ja, nicht alle! Aber zumindest werden diese kommenden 40 besonderen Tage vor Ostern mittlerweile auch in unserer protestantisch geprägten Region wieder deutlicher wahrgenommen als früher. Das ist zumindest mein Eindruck. Ich stamme aus einem evangelischen Elternhaus und in meiner Kindheit und Jugend war nie vom Fasten die Rede.
Mittlerweise existiert auch in der evangelischen Gemeinde meines Heimatortes eine Gruppe, deren Mitglieder sich im Rahmen der evangelischen Aktion „7 Wochen ohne“ über ihre Fastenerfahrungen austauschen. Feste Regeln gibt es dabei nicht. Jeder bestimmt selbst, worauf er in der vorösterlichen Zeit verzichten möchte: bei dem einen ist es der regelmäßige Fernsehabend, bei dem anderen sind es bestimmte Genussmitteln oder das gewohnte Konsumverhalten. Die Möglichkeiten sind vielfältig.
Fasten ist en vogue! Und mittlerweile ist das Fasten selbst bei vielen nicht-religiösen Menschen populär geworden. Fasten wird dabei immer mehr als eine Fitness- und Gesundheitskur betrachtet. Die Auswahl an kommerziellen Fastenkuren und Fastenkursen unter medizinischer Aufsicht ist groß und in der Regel verbunden mit sportlichen Betätigungen, Yoga oder Wanderausflügen. Man fastet, um sich von überschüssigen Pfunden zu entlasten, um sich und seinem Körper etwas Gutes zu tun, um wieder fit und leistungsfähiger zu werden. Man fastet, um sich von Giften im Körper zu befreien, um sich zu „entschlacken“.

Dabei ist der gesundheitliche Nutzen solcher Fastenkuren, zumindest wenn über einen bestimmten Zeitraum ganz auf feste Nahrung verzichtet wird, durchaus umstritten. Wissenschaftliche Belege für die Existenz von Schlacken, die angeblich durch das Fasten ausgeschieden werden, gibt es jedenfalls nicht. Der Körper scheidet unverwertbare Stoffwechselprodukte ohnehin ständig über Haut, Nieren, Darm und Lungen aus. Eine spezielle Diät ist dafür gar nicht notwendig. Im Gegenteil! Insbesondere bei Menschen mit Übergewicht bewirkt das Fasten erwiesenermaßen keine Senkung sondern eine Erhöhung der Schadstoffwerte im Blut. Der Grund:

Fettpolster „sind evolutionär nicht nur als Kältepuffer und Reserven für nahrungsärmere Zeiten gedacht, sondern auch als Zwischenlager für fettlösliche Gifte. (…) Gerade wenn Menschen häufig mit Umweltgiften Kontakt haben oder viel Alkohol trinken, sind die Leber sowie die anderen Entgiftungsorgane überfordert, sodass sie die Problemsubstanzen unverstoffwechselt im Fettdepot abspeichern. Eine Art ‚Fettquarantäne’ für Umweltgifte also. Doch diese Quarantäne wird durchlässig, wenn der Körper aufgrund einer Diät auf die Speckpolster zurückgreifen muss. Dann gelangen die Gifte ins Blut und von dort aus zu anderen Organen, wo sie Schaden anrichten können“. Quelle: Spiegel Online

Und doch versprechen sich viele Menschen durch das Fasten gewissermaßen eine Reinigung von Körper und Seele. Die Umwelt-, Öko- und Lebensmittelskandale der letzte Jahre haben sicherlich das ihre dazu beigetragen. Doch ich vermute, das Ganze hat noch andere Ursachen.
Die Menschen fühlen, dass sie von einer Leistungs- und Konsummaschenerie bestimmt werden, die ihnen im Prinzip nicht gut tut. Und es bleibt wohl bei vielen eine Ahnung davon zurück, dass sich die Sucht nach Geltung und Besitz über die tiefe Sehnsucht nach Liebe, Mitmenschlichkeit und Erkenntnis gelegt hat. Es bleibt eine Ahnung davon zurück, dass man sich auf Rollen festlegen lässt, die von Existenzangst und Konkurrenzdruck diktiert werden. Dass man in einer Gesellschaft lebt, in der soziale Anerkennung und Respekt nach dem Prinzip des Survivival of the Fittest verteilt werden, in einer Gesellschaft, die selbstsüchtig macht.
Je mehr die Menschen indes diesen Mustern verfallen, desto mehr entfernen sie sich von Gott. Und je mehr die Menschen sich von Gott entfernen, desto mehr entfernen sie sich von ihrem eigenen Urgrund. Die Gottesferne aber ist der Kern dessen, was gemeinhin als Sünde bezeichnet wird.
Der Begriff Sünde indes hat für die meisten Menschen einen seltsamen klang, wird verbunden mit altbackenen Moralvorstellungen und Zwangssystemen und gilt als eine wahre Spaßbremse. Es bleibt bei vielen aber wohl doch irgendwie ein schlechtes Gefühl haften, das manchmal als Gefühl der inneren “Verunreinigung” empfunden wird. Der Mensch kann jedoch fasten soviel er will: sofern er sich nicht seinem Urgrund und damit Gott annähert, wird sich daran nicht viel ändern.

Ist also das Fasten vollkommen unnütz? Die Reformatoren haben es seinerzeit tendenziell so gesehen. Allerdings hatte zum Beispiel Luther nicht prinzipiell etwas gegen das Fasten, er lehnte jedoch die formalistische Festlegung auf bestimmte Zeiten und Speisen ab. Luther begriff das Fasten eher als ein individuelles Trainingsprogramm zur Selbstdisziplinierung:

„Wenn nun jemand fände, dass auf Fische hin sich mehr Mutwillen regte in seinem Fleisch als auf Eier und Fleisch hin, so soll er Fleisch und nicht Eier essen.“

Auch die beiden anderen großen Reformatoren, Zwingli und Calvin, hielten wenig von den kirchlichen Fastenvorschriften. Durch einen provokativen Verstoß dagegen, markierten sie ihren Bruch mit der römisch-katholischen Kirche. Am 9. März 1522, dem Inokavit, also dem ersten Sonntag der Fastenzeit, veranstalteten sie in Zürich ein demonstratives Wurstessen, das als Züricher Wurstessen in die Geschichte der Reformation eingegangen ist. Die Christen seien von allen menschlichen Geboten und Ordnungen freigestellt, nur Gottes Gesetzen sei unbedingt Folge zu leisten, meinte Zwingli. Und da das Fasten ein von Menschen gemachtes Gebot sei und keine Autorität der Bibel hinter sich habe, müsse man es auch nicht befolgen.

„Willst du gerne fasten, dann tue es! Willst du dabei auf Fleisch verzichten, dann iss auch kein Fleisch! Lass mir aber dabei dem Christen die freie Wahl! (Quelle: REFORMIERT-INFO.DE)“

Richtig ist daran wohl immerhin, dass das Fasten als rein äußerliche Frömmigkeitsgeste wenig Sinn macht, ja geradezu kontraproduktiv ist. So mahnte schon Christus selbst:

“Wenn ihr fastet, sollt ihr nicht sauer dreinsehen wie die Heuchler; denn sie verstellen ihr Gesicht, um sich vor den Leuten zu zeigen mit ihrem Fasten. Wahrlich, ich sage euch: Sie haben ihren Lohn schon gehabt.
17 Wenn du aber fastest, so salbe dein Haupt und wasche dein Gesicht,
18 damit du dich nicht vor den Leuten zeigst mit deinem Fasten, sondern vor deinem Vater, der im Verborgenen ist; und dein Vater, der in das Verborgene sieht, wird dir’s vergelten.” (Matthäus 6,17-18)

Dieses Christuswort indes richtet sich keineswegs gegen das Fasten als solches. Er selbst hat sich, wie das Evangelium bezeugt, fastend zum Gebet zurückgezogen, um seinem Vater nahe zu sein.
Der Sinn des Fastens und der Fastenzeit liegt mithin darin, dass wir uns im Gebet still werdend zurück auf Gott, auf unseren göttlichen Urgrund besinnen. Dass wir uns bewusst werden, wo wir uns gegen Gott, gegen unsere Mitmenschen und damit letztlich auch gegen uns selbst schuldig gemacht haben, selbstsüchtig, unsolidarisch, verletzend waren. Um schließlich unser Leben auf Gott hin neu zu justieren.
Durch den Verzicht in der Fastenzeit signalisieren wir, dass etwas in unserem Leben nicht in Ordnung ist, dass wir Dinge tun, die uns eigentlich schaden, auf die wir besser verzichten sollten. Aber der Verzicht nur für eine bestimmte Zeit nützt letztlich wenig, wenn wir daraus nicht auch etwas Bleibendes für unser weiteres Leben gewinnen. Darin liegt die eigentliche Herausforderung der Fastenzeit.

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Feb 17 2015

Afrikanische Einheit

Autor: . Abgelegt unter Politik & Politische Kultur

Armselige provisorische Hütten aus Müll. Flüchtlingscamp in der Wüste

Vorgestern Abend musste ich noch zu später Stunde arbeiten. Im Hintergrund lief Musik von Salif Keita. Keita ist ein Musiker aus Nigeria, der im Jahr 1949 in Mali mit dem sogenannten Albinismus, einer Pigmentstörung der Haut, zur Welt kam. Albinismus gilt in der Herkunftsgesellschaft Keitas als ein Unglückszeichen. Auch er selbst hatte unter diesem Aberglauben zu leiden. Dass er trotzdem den Aufstieg zu einem international anerkannten Künstler geschafft hat, grenzt ein Wunder.

Irgendwann fiel mir bei beim Hören seiner Musik eine Auseinandersetzung ein, die ich im Sommer 2010 mit meinem Bruder geführt habe. Es ging dabei um die Fußballweltmeisterschaft, die gerade in Südafrika stattfand – und in diesem Zusammenhang um die Zustände auf dem afrikanischen Kontinent so ganz allgemein. Mein Bruder war zu dieser Zeit in Südafrika vor Ort und probte mit einigen südafrikanischen Jugendlichen eine Theaterperformance, die teilweise auch vor den Fußballstadien aufgeführt wurde, in denen die Meisterschaftsspiele stattfanden.

Unter den Afrikanern herrschte eine ziemliche Euphorie, denn die eigene Mannschaft konnte sich eine ganze Weile tapfer gegen die Favoriten behaupten. Rund um die Fußballstadien entdeckten die Afrikaner plötzlich ihre Einheit wieder, die sie in ihre Bafana bafana („unsere Jungs“) genannten Kicker hineinprojizierten. Die also hatten auf dem grünen Rasen stellvertretend die Ehre Afrikas zu verteidigen, während sich die verfeindeten Clans und ethischen Gruppen in anderen afrikanischen Ländern weiter abschlachteten.
Mein Bruder ließ sich von diesem Gemeinsinn stiftenden medial inszenierten Großereignis tief beeindrucken und kam bei jeder E-Mail, die er uns in die Heimat schickte, mehr ins Schwärmen. Ich war relativ entsetzt von diesem (völlig unüblichen) plötzlichen Einbruch seiner Urteilsfähigkeit.

Nur weil anlässlich eines medial inszenierten Großereignisses ein gewisses Solidaritätsgefühl zwischen Menschen schwarzer Hautfarbe verschiedener Nationen Afrikas entsteht, gibt es in der sozialen und gesellschaftlichen Wirklichkeit dort noch lange keine afrikanische Einheit, schrieb ich zurück: Was für ein Afrika soll denn da überhaupt gemeint sein. Schließt es den Norden ein, dessen muslimische Bevölkerung seit Jahrhunderten die Menschen im Inneren des Kontinents als Sklaven ausbeutet? Wo, wie in Darfur, hellhäutige Muslime dunkelhäutige Muslime anderer ethischer Gruppenzugehörigkeit abschlachten. Oder wo hellhäutige Muslime im nördlichen Teil sich auf die dunkelhäutigen Christen im Süden stürzen? (Inzwischen, nachdem sie ihre „nationale Unabhängigkeit errungen haben, schlachten sich die sogenannten Christen im Süden des Sudans auch untereinander ab.) Oder Somalia, wo sich die Angehörigen Hunderter verschiedener Clans gegenseitig massakrieren? Ruanda etwa oder Burundi, wo vor noch nicht allzu langer Zeit ein Völkermord monströsen Ausmaßes stattgefunden hat und sich die verschiedenen Bevölkerungsgruppen weiterhin feindselig und ängstlich belauern? Kongo, wo die verschieden ethnischen Gruppen – aufgehetzt von blutrünstigen Warlords –, sich gegenseitig massakrieren, um Zugang zu den Rohstoffvorkommen des Landes zu erhalten. Nigeria, oder jetzt auch die Zentralafrikanische Republik, wo Moslems und vermeintliche Christen mordend und brandschatzend durch die Wohnviertel der jeweils anderen Bevölkerungsgruppe ziehen? Und das sind nur die populärsten Beispiele.
Es wird so gut wie kein einziges Land geben, im dem auch nur im Inneren so etwas wie eine Einheit besteht. Afrikanische Einheit? Nicht mal ein Mythos. Ein Witz. Afrika – um es mal etwas drastisch auszudrücken – ist am (…), oder sagen wir es vornehmer, ist eine einzige Katastrophe! Gestern und heute ausgeplündert von Kolonialisten verschiedener Couleur. Gegeneinander aufgehetzt von deren antikommunistischen und staatssozialistischen Erben, die erfolgreich auch noch jede emanzipatorische Regung im Keim erstickt haben. Die letzten Flämmchen einer gerechteren sozialen Entwicklung ausgepustet vom IWF und dessen neoliberaler Politik unter seinem Präsidenten Köhler und Kameraden. Wirtschaftlich abgewürgt durch Importbeschränkungen, Terms of Trade und Handelsbörsen.

Aber auch ausgeplündert von den heimischen Stammesfürsten und ethnischen Eliten, die sich ans Kapital verkauft und um ihres persönlichen Reichtum willens ihre angeblichen Landsleute auf das brutalste ausgepresst, gefoltert und gemordet haben und das immer noch tun. Zerrissen auch von den eigenen tief verwurzelten Feindseligkeiten zwischen den Ethnien, zerfressen von Aberglauben, mörderischen Kulten und Kannibalismus.

Afrikanische Einheit? Ein Scherz, über den man nicht lachen kann. Gegen das, was auch nur ein paar hundert Kilometer weiter nördlich passiert, ist Südafrika mit seinen rauchenden Slums, ärmlichen Hütten und der immer brutaler werdenden Massenkriminalität noch die Insel der Glücklichen.

Die katastrophalen Zustände, die in den meisten Teilen Afrikas herrschen, mittelalterlich zu nennen, täte dem europäischen Mittelalter Unrecht. Afrika ist eine groteske Karikatur der Moderne, die diesem Kontinent übergestülpt wurde, ohne das er auch nur im mindesten sozial und kulturell darauf vorbereitet gewesen wäre. Man hat versucht, aus den von Stammesdünkel zerfressenen und bis ins Mark verfeindeten Gemeinschaften Nationen zu konstruieren. Das ging nur solange gut, wie die westlichen Mächte mit dem Finger am Abzug darüber wachten, dass die Stammeskrieger nicht über einander herfielen. In Feindschaft gegen ihre Kolonialherren mag hier und da vielleicht wirklich so etwas wie eine Einheit zwischen den Stämmen entstanden sein, die aber sofort wieder zerfiel, als die Kolonialisten abzogen. Seit dieser Zeit bekämpfen sich die künstlich zu Nationen zusammen geschusterten tribalistischen Gemeinschaften unter dem Vorzeichen von nationalem Befreiungskampf, Sozialismus hier, parlamentarische Demokratie da, bis aufs Messer. Seit die ideologischen Systeme ihre Strahlkraft verloren haben wird deutlich, dass es im Grunde immer nur um die Usurpation von Ressourcen für die eigenen Stammesgenossen und zur Aufrechterhaltung zutiefst korrupter und nepotistischer Strukturen ging und geht. Afrika hat sich an der Moderne verschluckt und hört nicht auf, daran zu würgen. Bis dieser verlorene Kontinent vielleicht einen Ausweg aus dem Elend findet, werden wahrscheinlich noch Jahrzehnte, wenn nicht Jahrhunderte vergehen. Und bis dahin wird jeder Afrikaner (oder doch sehr sehr viele), der dazu in der Lage ist und die Möglichkeit hat, versuchen, aus dieser riesigen Afrika genannten No-Go-Area herauszukommen, dorthin, wo es sich besser und einfacher (über)leben lässt. Nach Europa zum Beispiel. Wir würden es genauso machen.

Allein das mag irgendwann die europäischen Mächte dazu veranlassen, etwas zu unternehmen. Fragt sich nur: was?

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Feb 08 2015

Bettler rein

Gemälde - Roma Frau

Vor einigen Wochen war ich mal wieder in der Innenstadt unterwegs. Als ich so durch die City Mall schlenderte, kam mir eine junge Frau entgegen – dunkler Typ, schwarzes Haar, langer weiter Rock und abgewetzter Mantel. Eine Erscheinung, die wir zielsicher mit osteuropäischem Roma identifizieren.

Die Lady sah mich und stürzte sofort auf mich zu: „Bitte bitte helfen“, rief sie und reckte mir ihre gefalteten Hände entgegen. Solche theatralischen Demutsgesten gehen uns coolen Mitteleuropäern – so auch mir – ganz erheblich auf den Geist. Um möglichst schnell aus dieser Situation herauszukommen, gab ich ihr flugs einen Euro und machte mich auf und davon.
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Feb 04 2015

Red Pepper Greek Salad oder: Wie gehts weiter in Griechenland?

Griechische Treppe
Griechenland: aufwärts oder abwärts?

Ganz großes Kino

Das war schon ganz großes Kino, was sich da am Freitag den 30. Januar 2015 in Athen abgespielte. Gianis Varoufakis, Finanzminister der vor einer Woche neu gewählten Regierungskoalition aus Linksbündnis Syriza und der als rechtspopulistisch bezeichneten Partei der Unabhängigen Griechen, setzte den derzeitigen Chef der sogenannten Eurogruppe, Jeroen Dijsselbeom, faktisch vor die Tür: „Unsere Regierung wird mit größtem Engagement mit der Eurozone, der EU und dem IWF zusammenarbeiten – aber mit der Troika, die ein Programm umsetzen will, dessen Idee wir als antieuropäisch betrachten und die auch das europäische Parlarment für nicht demokratisch legitimiert hält, wollen wir nicht zusammen arbeiten“, erklärte Varoufakis auf einer gemeinsamen Pressekonferenz. Mit sichtlich frustrierter Miene schmiss sein Verhandlungspartner den Kopfhörer für die Simultanübersetzung auf den Tisch und „ergriff die Flucht nach vorn“, wie eine Tagesschau-Sprecherin kommentierte. Dijsselbeoms Flucht nach vorn äußerte sich im Wesentlichen darin, zeitnah den Ausgang des Versammlungsortes anzusteuern. Eine Neue Konferenz mit Verhandlungen über einen Schuldenschnitt sei nicht zu erwarten, ließ er seine Gesprächspartner noch knapp wissen, denn eine solche Konferenz gäbe es ja bereits: die Eurogruppe.
So manchem Griechen, Spanier oder Portugiesen, die seit Jahren von der als Konsolidierung bezeichneten Politik des sozialen Kahlschlags unter EU-Regie kujoniert wurden, mag bei diesen Szenen das Herz aufgegangen sein.
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Jan 27 2015

Celler Hasenjagd

Autor: . Abgelegt unter Politik & Politische Kultur

(HAZ vom 26.01.2015)

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Unweit von Burgwedel spielte sich am 8. April 1945 ein finsteres Kapitel der deutschen Geschichte ab: die sogenannte Celler Hasenjagd. Der erste Nachkriegsbürgermeister von Burgwedels Partnerstadt Domfront entkam bei dieser mörderischen Menschenhatz auf KZ-Häftlinge.

Wettmar. Im Sommer 2011 meldet sich ein 91-jähriger Mann aus Celle in der KZ-Gedenkstätte Mittelbau-Dora bei Nordhausen: Ob Interesse an etwa 150 Zeichnungen von Häftlingen und Tagebuchaufzeichnungen aus dem KZ bestehe. Seine Schwiegermutter habe die Mappe im April 1945 in ihrem Schrebergarten nahe des Celler Bahnhofs gefunden.

Und ob Interesse besteht! Handelt es sich doch um authentische Quellen für die dramatischen Ereignisse während der Räumung der Lager, der Todesmärsche und der Massaker an KZ-Häftlingen im April 1945. Anhand der Beschriftungen sind der französische Oberst Camille Delétang als Urheber der Porträtzeichnungen und der Arzt Armand Roux als Verfasser der handschriftlichen Dokumente schnell identifiziert. Beide überlebten die Deportation und spielten nach dem Krieg eine wichtige Rolle in Überlebenden- und Veteranenverbänden.

Aus: Post aus Frankreich lüftet Geheimnis. HAZ vom 27.01.2015
Der vollständige Artikel hier: Klick!

Über das Schweigen im Walde. Demnächst mehr hier bei Beinsen.

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Jan 23 2015

Tahmineh aus dem Iran braucht medizinische Hilfe

Autor: . Abgelegt unter Flucht & Asyl

Im Namen der Ehre: Vater verätzt seiner Tochter das Gesicht und verletzt sie lebensgefährlich

Tahmineh Yousefi Tahmineh Yousefis Gesicht ist durch einen Säureangriff entstellt. Der eigene Vater hat ihr im Sommer 2013 die ätzende Flüssigkeit ins Gesicht gekippt und sie anschließend stranguliert. Er und ihre Brüder, die dem Vater bei der Attacke unterstützt helfen, sehen die Familienehre verletzt, weil Tahmineh sich von ihrem drogenabhängigen Ehemann getrennt hat.

Der Mordversuch misslingt, die junge Frau kann mit ihrer Schwester nach Deutschland fliehen. Tahmineh leidet unter den schweren Verletzungen, die weiter behandelt werden müssen. Sie hofft, dass die schlimmsten Folgen des Säureangriffs in Deutschland korrigiert werden können. Professor Peter Vogt von der MHH-Klinik für Plastische Chirurgie hält die Verbesserung von Tahminehs Situation durch eine langjährige Behandlung für möglich. Derzeit ist jedoch das Asylverfahren der beiden iranischen Frauen noch nicht abgeschlossen – und das kann nach Auffassung ihrer Anwältin auch noch dauern. Medizinische Behandlung von Asylbewerbern und Asylbewerberinnen werden über das Asylbewerber-Leistungsgesetz abgewickelt. Zuständig sind die Kommunen. Übernommen werden allerdings nur unbedingt notwendige und überlebenswichtige medizinische Maßnahmen. Und was unbedingt notwendig ist interpretieren die Ämter oft nach eigenen Prämissen. Gesichtsoperationen zur Beseitigung der sichtbar entstellenden Verletzungsfolgen gehören wahrscheinlich nicht dazu.

Tamineh benötigt Spenden für die Gesichtsbehandlung

Der Flüchtlingsrat Niedersachsen setzt sich dafür ein, dass Tamineh eine angemessene medizinische Versorgung erhält, um ihr Gesicht wieder herzustellen – auch über die ihr gesetzlich zustehenden medizinischen Leistungen hinaus. Tamineh benötigt zum Beispiel Medikamente, die ihr von Amts wegen nicht bezahlt werden. Beide Schwestern befinden sich in psychotherapeutischer Behandlung.
Kai Weber und Lothar Flachsbart vom Flüchtlingsrat Niedersachsen bitten um Spenden – unter Angabe des Stichworts “Tamineh/Shahin – auf das folgende Konto:

Konto 4030 460 700 – GLS Gemeinschaftsbank eG – BLZ 430 609 67
Zweck: Tamineh/Shahin
IBAN: DE28 4306 0967 4030 4607 00 / BIC: GENODEM1GLS

Herzlichen Dank für Ihre Unterstützung!

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Jan 11 2015

Ermordet, weil sie das Recht auf Spott verteidigt haben. Ermordet, weil sie Juden waren

Autor: . Abgelegt unter Politik & Politische Kultur

Ohne Titel

Das sind die Namen der Opfer der Terroranschläge im Januar 2015 in Frankreich:

Charlie Hebdo

Jean Cabut alias Cabu
Georges Wolinski
Bernard Verlhac alias Tignous
Stéphane Charbonnier alias Charb
Philippe Honoré

Sie wurden ermordet, weil sie Karikaturen über den Islam angefertigt hatten.

Elsa Cayat
Michel Renaud
Bernard Maris

Sie wurden ermordet, weil sie Witze über den Islam gemacht hatten.

Mustapha Ourrad

Er wurde ermordet, weil er mit Leuten zusammenarbeitete, die Karikaturen und Witze über den Islam machten.

Frédéric Boisseau

Er wurde ermordet, weil er für Leute arbeitete, die Karikaturen und Witze über den Islam machten.

Ahmed Merabet
Franck Brinsolaro

Sie wurden ermordet, weil sie als Polizisten die Menschen schützten, die Karikaturen und Witze über den Islam machten.

HyperCasher:

Yoav Hattab
Yohan Cohen
Francois-Michel Saada
Philippe Braham

Sie wurden ermordet, weil sie Juden waren.

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Jan 09 2015

Über Freiheit

Autor: . Abgelegt unter Expressionen

 Nichts aus Allem, alles aus nichts<br />
    tritt<br />
    Mögliches aus Möglichem<br />
    erscheint<br />
    Bild zu Bild<br />
    Ding zu Ding<br />
    Wesen zu Wesen<br />
    wird</p>
<p>    Anschauung zu Anschauung<br />
    Bedeutung zu Be-Deutung<br />
    Erinnerung zu Er-Innerung<br />
    zu Freiheit<br />
    die ich meine<br />

Wilfried von Vorsfelde

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Jan 04 2015

Rote Mojosauce nach Art Villa Heyde

Autor: . Abgelegt unter Speis' & Trank

Mojosauce rot & grün
Rote Mojosauce nach Art Villa Heyde

  • Zwei rote Paprikaschoten etwa fünf bis zehn Minuten kochen.
  • Eine frische Chilischoten entkernen hinzugeben und fünf Minuten mitkochen.
    Alternativ kann man auch Chilipulver oder getrocknete Chilis verwenden.

Zusammen mit

  • zwei Knoblauchzehen,
  • einem gestrichenen Teelöffel Kreuzkümmel,
  • etwas Salz, Pfeffer und
  • einem gestrichenen Teelöffel Paprikapulver, süß, sowie
  • etwa 50 bis 100 Milliliter Olivenöl

pürieren.
Abkühlen lassen.
Genießen!

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