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Achim Beinsen: Freier Journalist und Sozialarbeiter

Die Rückkehr der serbischen Bohnensuppe

Studentische Fürze im philosophischen Seminar

Während der letzten Jahre war die serbische Bohnensuppe in Deutschland so gut wie verschwunden. Nun taucht sie in Meiers Imbiss im hannoverschen Zooviertel wieder auf. Was ist geschehen?

Serbische Bohnensuppe


Lange Zeit gehörte die Balkansuppe zu den Top Ten auf dem Speiseplan studentischer Wohngemeinschaften. Generationen heutiger Ingenieure, Manager, Redakteure, Politiker und Politik-Berater, Referenten, Pädagogen und Psychologen haben sich von ihr ernährt. Der schnelle kulinarische Quicky zwischen der Hegel-Vorlesung und dem Referat über die „Moralphilosophie der Aufklärung“ eröffnete den nötigen Freiraum für Wichtiges und Wesentliches im akademischen Zeitmanagement. Und so erschallten im philosophischen Proseminar die studentischen Fürze, angeregt durch den verdauungsfördernden Verzehr von serbischer Bohnensuppe aus der Dose.

Die krachende Pointe aus der Gulaschkanone

Die serbische Bohnensuppe zählte zu den beliebtesten Schnellgerichten in Deutschland. Nicht nur in den Regalen der Lebensmittelläden war sie zu finden. Viele studentische Kneipen ergänzten ihr kulinarisches Angebot mit diesem Eintopfgericht. In den meisten Fällen griff der Koch oder die Köchin auch hier auf die Variante aus der Konserve zurück. In Mensen, beim Jugoslawen um die Ecke oder in der einen oder anderen Betriebskantine wurde sie von Zeit zu Zeit noch selbst zubereitet und aus großen Kübeln, den so genannten Gulaschkanonen, in die Teller geschöpft. Serbische Bohnensuppe aus der Gulaschkanone. Ein Treppenwitz der Geschichte, dessen Pointe ziemlich laut krachte.

Der kollektive Wahn

Denn zu Beginn der neunziger Jahre geriet die serbische Bohnensuppe plötzlich in die Mühlen des kollektiven Wahnsinns. In ihrem Herkunftsland hatte der Staat abgewirtschaftet. Das Vakuum füllten miteinander verfeindete Mafiaclans. Jene, die auf Slobos jugoslawischer Resterampe zu kurz gekommen waren, riefen kurzerhand die nationale Unabhängigkeit aus. Das gefiel vielen Deutschen gut, hatten doch auch sie gerade ein nationales Erweckungserlebnis hinter sich. Noch hallte der Ruf aus zehntausenden sächsischen Heldenkehlen nach: „Deuitschland einisch Vooderland“. Die Deutschen begannen also, den vermeintlich zu kurz gekommenen Clans auf dem Balkan und ihren nationalen Projekten wackeren Beistand zu leisten, politisch, publizistisch und nicht zuletzt durch vielerlei gute Gaben.

Serbien muss sterbien … (?)

War da nicht mal was? Hatte da nicht mal ein Serbe den designierten deutschen, nein, österreichischen Monarchen und seine Gattin um die Ecke gebracht. Hatten die Serben nicht schon seit jeher die deutschfreundlichen Völkerschaften auf dem Balkan geknebelt, geknechtet und jahrzehntelang in ihrem „Völkergefängnis“ schmoren lassen. Schrieben es nicht täglich Erich Rathfelder und Frank Schirrmacher in TAZ und FAZ: „Der Serbe ist schuld!“ Autsch! Ja, musste einem ehrlichen und mitfühlenden Menschen da nicht geradezu das Messer in der „Us-Tascha“ aufgehen? Alles Serbische war bei den meisten Deutschen nicht mehr gut gelitten.

Mexikanischer Feuertopf statt serbischer Bohnensuppe

In den Kantinen standen sich die verschiedenen Fraktionen des jugoslawischen Küchenpersonals plötzlich spinnefeind gegenüber. Um des Friedens in der Küche willen nahm so mancher Chefkoch die serbische Spezialität aus dem Programm. Die Balkanspeise wurde durch den politisch unverdächtigen mexikanischen Feuertopf ersetzt. Derweil servierten sich die Kontrahenten auf dem Balkan schwer verdauliche blauen Bohnen. In studentischen Kreisen trat die Tiefkühlpizza ihren Siegeszug an. Sie ließ sich während der Lektüre von „Nationen und Nationalismus“ sauber verzehren, ohne das aus der Bibliothek geliehene Buch mit serbischen Schandflecken zu verhunzen.

Kulinarische Gegenoffensive der Kroaten

Die Kroaten setzten derweil zur kulinarischen Gegenoffensive an, um den Eintopf vom serbischen Joch zu befreien. „Die serbische Bohnensuppe“, verkündete beispielsweise der kroatische Restaurantbetreiber und Schriftsteller Miro Kolak, sei gar keine serbische Spezialität. Es habe diese Bohnensuppe in allen Teilen des ehemaligen Jugoslawiens gegeben. Früher habe man nur nicht gewagt, sie anders als serbische Bohnensuppe zu nennen. Eine ethnische Säuberung im Kochtopf begann. Auf Speisekarten tauchten Fußnoten auf. Die Offerte, Bohnensuppe, 6 DM, wurde im unteren Abschnitt der Seite mit dem Anmerkung versehen: „Ehemals serbische Bohnensuppe“. „Serbien musste sterbien“ auf den deutschen Speisekarten.

Milde Bombenstimmung

Im Jahr 1999 schickte sich das westliche Militärbündnis an, die Serben in die westliche Wertegemeinschaft zurück zu bomben und ihnen dabei richtig in die Suppe zu spucken. Nun durften die Deutschen dabei behilflich sein, Serbien in Schutt und Asche zu bomben. Das stimmte sie milder.

Der mutige Gastronom im hannoverschen Zooviertel

Ein Hoffnungsschimmer für die serbische Bohnensuppe? In der Tat, einige Zeit später, im Jahr 2004, brach das Eis. Es war ein beherzter Gastronom, ansässig in unmittelbarer Nähe des Kanzlerhauses in Hannover, der es wagte. Er setzte ein Fanal. Auf einem seiner wöchentlichen Speisepläne prangte in deutlich lesbaren Lettern:

„Mittwoch, serbische Bohnensuppe.“

„Ja“, gab der mutige Mann zu, „vor zwei Jahren hätte ich das noch nicht gemacht. Aber inzwischen… Man muss doch diesen kleinlichen Nationalismus auch mal vergessen können“. Ein Mann, ein Wort. Die serbische Bohnensuppe kehrte zurück. Und gerade dieser Tage ist sie in Meyers Imbiss im hannoverschen Zooviertel wieder zu genießen. Nicht irgendeine, nein, Serbische Bohnensuppe!

Updated: 1. Juli 2018 — 14:05

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