Die Ostsee, der Sheppy, der Schwimmy, ich und die Warmduscher


Die Ostsee ist ein Brackwassermeer. Brackwasser, denkt man da nicht unwillkürlich an Fäulnis? Oder auch an das verdreckte Wasser in manchem Hafenbecken, das nach altem Schiffsdiesel, Seetank, verfaulten Fisch und Abfällen stinkt? Aber das ist nicht gemeint. Die Ostsee ist sogar vergleichweise sauber, das beteuern jedenfalls die Verantwortlichen im schleswig-holsteinischen Gesundheitsministerium. Als Brackwassermeer bezeichnet man dieses Gewässer, weil sein Salzgehalt in weiten Teilen unter einem Prozent liegt.
Und weil Brackwasser nicht Dreck sondern nur weniger salzig bedeutet, steht einem erfrischendem Bad in der Ostsee nichts im Wege, im Gegenteil, da schmeckt es beim Wasserschlucken nicht ganz so ekelig wie drüben in der Nordsee. Dagegen sprechen jetzt Ende September schon eher die Luft- und Wassertemperaturen. Erstere liegt derzeit so um die 13 bis 14 ­– , letztere bei 17 Grad. Jedenfalls sieht man zu dieser Jahreszeit hier kaum noch jemanden baden.
Ich gehöre zu den wenigen Ausnahmen. Wobei die Gründe dafür einerseits der noch kurz vor dem Urlaub gelungenen Entfernung des Nierensteins und andererseits einer kleinen Portion Geiz geschuldet sind. Den ganzen Sommer über musste ich wegen dem megamäßigen Stein im dadurch komplett verstopften Harnleiter mit diesem blöden Katheter in der linken Niere herumlaufen. Nix mit erfrischendem Bad zur Abkühlung von den sommerlich heißen Temperaturen. Das kann ich jetzt bei nicht mehr ganz so großer Hitze endlich nachholen – und zwar erstmals am Samstag den 14. September, einem angenehm milden Spätsommertag. Tags darauf hat schon erheblich aufgefrischt, als ich mit dem Shepherd zu einem ausgedehnten Strandspaziergang unterwegs bin.
Bei Wasser in Verbindung mit einem gewissen schwimmenden Wurfgegenstand, dem so genannten Schwimmy, mutiert der Shepherd quasi zu einem Seehund. Na ja, nicht ganz. Auf jeden Fall nimmt er eine lauernde Border-Collie-Haltung ein, sobald er See oder Meer riecht. Dabei fixiert er einen mit seinem starren Hütehundeblick, als wäre man ein zu hütendes Schaf. Das hält der Sheppy stundenlang durch, meistens solange, bis man endlich nachgibt und ihm den Schwimmy ins Wasser wirft. Aber zum Seehund reicht es dann eben doch nicht ganz: Er springt nämlich nur hinterher, wenn er den Schwimmy noch im Wasser orten kann. Hat man zu weit geworfen und nimmt beispielsweise ein zu hoher Wellengang die Sicht, läuft gar nichts. „Ich spring doch nicht einfach so ins Wasser, spinnst du, viel zu kalt“, signalisiert der Sheppy einem in diesem Fall. Auf diese Art und Weise sind allein in diesem Jahr schon mindestens zwei Schwimmies am See drauf gegangen. Selbst rein springen konnte ich ja nicht, wegen der Nierenfistel.
So läuft es auch jetzt wieder. So ein Schwimmy kostet immerhin fast acht Euro und ich habe ihn zu weit geworfen. Der Sheppy springt zwar aufgeregt am Ufer herum, aber ins Wasser will er sich partout nicht bequemen. Ich werde ich richtig ärgerlich: Du dummer Hund, schreie ich ihn an, hol endlich das blöde Ding aus dem Wasser, sonst spiele ich nicht mehr mit dir. Ja, man kann in solchen Fällen richtig regridieren. Immerhin schaffe ich es schließlich doch, den Hund ins Wasser zu dirigieren. Schließlich ist er Rettungssuchhund. Dem mehrmals sachlich aber energisch vorgetragenden Befehl „Voran“ kann er sich letztlich nicht verschließen. Aber die Wellen sind einfach zu hoch: der Sheppy krawlt einen halben Meter am Schwimmy vorbei und strampelte dann eilig wieder auf das Ufer zu.
„Okay, für acht Euro springst du jetzt selbst hinterher“, sage ich mir. Und stelle dann nach einigen kräftigen Schwimmzügen fest, das so ein Ostseebad auch zu Herbstbeginn und bei auffrischendem Wind noch eine feine Sache sein kann. Man muss sich nur möglichst schnell überwinden, beherzt ins Wasser jumpen und dann mindestens fünfzehn Sekunden lang kräftige Schwimmzüge machen. Ist der Körper gut durchblutet, fühlt man sich erfrischt und gewärmt zugleich.
Also gehöre ich jetzt zu den Exoten, die bei 14 Grad Luft- und 17 Grad Wassertemperatur regelmäßig in die Ostsee gehen. Aber was heißt Exoten, scheinbar bin ich hier der einzige Badeexot. Während ich im Wasser herumplansche und mit dem Sheppy Wasserball spiele, kommen mir nur regelmäßig Strandspaziergänger entgegen, die so eine gewisse Bewegung mit Daumen und Zeigefinger machen und mir grinsend zurufen: „So kalt ungefähr, wa!? Hähahäha!“ Sehr witzig, ihr Warmduscher.

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