3. Oktober 2023 „Sie feiern die Mörder meiner Tochter“

Sie feiern die Mörder meiner Tochter

Am 7. Oktober 2023 drangen palästinensische Terrorkommandos aus dem Gaza-Streifen nach Israel ein, töteten auf teils bestialische Weise 1195 Menschen und verschleppten etwa 250 Menschen als Geiseln in den Gazastreifen. Unter den Ermordeten befand sich auch die 22-jährige Modedesign-Studentin Carolin Bohl aus Niedersachsen. Carolin Pohl hatte vor ihrer Reise nach Israel wenig Berührungspunkte mit dem Land, sie war weder israelische Staatbürgerin noch jüdischer Herkunft. Die junge Frau reiste gern und besuchte Israel gemeinsam mit ihrem Partner Danny, einem britisch-israelischen Staatsbürger, der wie sie in Berlin lebte. Carolin wollte Dannys Familie und Israel kennenlernen. Nach vier Tagen in Tel Aviv bei Dannys Halbschwester fuhren die beiden in den Kibbuz Nir Oz, aus dem Dannys Mutter stammte. Carolin war von der Atmosphäre im Kibbuz begeistert und beschrieb den Ort ihrer Mutter gegenüber in einem Telefonat als „Himmel auf Erden“. Deshalb entschieden sie und Danny sich am 6. Oktober spontan, noch eine letzte Nacht dort zu bleiben, bevor sie am folgenden Tag zurück nach Tel Aviv und von dort ihren Heimflug nach Deutschland antreten wollten. Dazu kam es jedoch nicht mehr. Denn am frühen Morgen des 7. Oktobers drangen die Terroristen in den Kibbuz ein und töteten 47 Menschen, 76 wurden als Geiseln nach Gaza verschleppt. Zu den Todesopfern gehörten auch Carolin und Danny.
In der persönlichen Dokumentation und dem Videobetrag

„Carolin Bohl – Ermordet am 7. Oktober | Ihre Mutter Sonja erzählt ihre Geschichte“

beleuchtet die Journalistin Sarah Maria Sander in ihrem gleichnamigen YouTube-Kanal das Schicksal von Carolin. Sie betont, dass das Schicksal deutscher Terroropfer in der Öffentlichkeit sowie den Medien bisher kaum aufgegriffen wurde und sich Hinterbliebene, wie Carolins Mutter Sonja, daher in ihrer Trauer nicht gesehen und isoliert fühlen. In dem YouTube-Beitrag geht es nicht zuletzt deshalb auch um die Perspektive von Carolins Mutter Sonja, mit der die Journalistin ein ausführliches Gespräch geführt hat.
Carolins Mutter erzählt, dass sie sich schon etwas Sorgen gemacht habe, als sie auf der Landkarte entdeckte, wie nah sich der Aufenthaltsort ihrer Tochter, der Kibbuz Nir Oz, am Gazastreifen befindet. Doch Carolin habe sie beruhigt, alles sei sicher und ruhig. Am Morgen des 7. Oktober 2023 erreichte Sonja um 06:16 Uhr deutscher Zeit die erste Nachricht ihrer Tochter, in der Carolin schrieb: „Hey Mum, wenn du das liest, bleib ganz ruhig … jetzt ist tatsächlich Krieg ausgebrochen“. Zunächst versuchte Carolin noch, ihre Mutter zu beruhigen, ohne das volle Ausmaß des Angriffs zu erfassen. Nach etwa 30 Minuten Funkstille schickte sie eine letzte Abschiedsnachricht, in der sie schrieb, dass sie ihre Mutter über alles liebe und ihr für alles danke. Dann riss der Kontakt endgültig ab. Es folgte eine verzweifelte Suche nach Gewissheit, bei der Sonja vergeblich versuchte, konkrete Informationen vom Auswärtigen Amt und der deutschen Botschaft in Tel Aviv zu bekommen. Am Abend des 8. Oktober erhielt die Familie über Bekannte und israelische Kontakte die Nachricht, dass Carolin und Danny tot im Kibbuz aufgefunden worden waren.
Heute wissen wir, wie bestialisch die Mörder ihre Opfer zugerichtet hatten. So riet der Bestatter nach der Überführung der ermordeten Tochter der Mutter davon ab, die Tote noch einmal anzusehen. Stattdessen identifizierte Sonja ihre Tochter anhand der Fotografie eines individuellen Tattoos.
Sonja empfindet eine tiefe Enttäuschung über die deutsche Politik und die deutschen Medien, deren Berichterstattung nach dem 7. Oktober tendenziell einseitig die Situation der Palästinenser in den Vordergrund rückte und das Leid der Opfer des Terrorangriffs nur unzureichend thematisierte. Ein Kondolenzschreiben von Außenministerin Annalena Baerbock hat sie als völlig unpersönlich und unpassend betrachtet. Sie hat außerdem nicht vergessen, dass Baerbock und UN-Generalsekretär António Guterres eine „ewige Flamme“ für die im Gaza-Krieg ums Leben gekommenen UNWRA-Mitglieder entzündeten, von denen etliche der Hamas angehörten und mutmaßlich auch in den Terrorangriff vom 7. Oktober verstrickt waren.
„Sie feiern die Mörder meiner Tochter“, sagt Sonja über die Welle der Pro-Palästina-Demonstrationen nach dem 7. Oktober und bringt damit ihren tiefen Schmerz und ihre Empörung zum Ausdruck. Sie nimmt wahr, dass auf diesen Kundgebungen der brutale Terrorüberfall der Hamas vom 7. Oktober als angeblicher „Widerstand“ verharmlost, relativiert oder unverhohlen bejubelt wird. Den Demonstrierenden wirft sie eine eklatante Ignoranz gegenüber den tatsächlichen Geschehnissen vor: Statt sich mit den Grausamkeiten und den Opferzahlen auseinanderzusetzen, werden Hassparolen gerufen und damit genau jene Täter verherrlicht, die für den Tod ihrer Tochter Carolin sowie hunderter weiterer Zivilisten verantwortlich sind. Den Medien und der Politik wirft Sonja vor, sich stellenweise von den Narrativen der Hamas einnehmen zu lassen und einer gefährlichen Täter-Opfer-Umkehr nicht entschlossen entgegenzutreten. All dies führt bei ihr zu dem Gefühl einer fehlenden Empathie in der Heimat: Während ihr in Israel mit großem Mitgefühl begegnet wurde, fühlt sie sich in Deutschland mit ihrer Trauer, ihrer Wut und ihrer Enttäuschung isoliert und im Stich gelassen.
Als Ort der Erinnerung haben Kindheitsfreunde von Carolin eine rustikale Holzbank mit einer Motorsäge gefertigt und daneben einen Apfelbaum für sie gepflanzt. Sarah Maria Sander ruft in ihrem YouTube-Beitrag dazu auf, das Gedenken an Carolin Bohl lebendig zu halten und die Terroropfer nicht dem Vergessen zu überlassen.
Sie feiern die Mörder meiner Tochter

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