Archiv für die Kategorie 'Über Flucht und Asyl'

Dez 29 2015

“Sicheres Herkunftsland”

Autor: . Abgelegt unter Politik,Über Flucht und Asyl

Stacheldraht

Arben H.* aus Kosovo ist stinksauer. Die südserbische Provinz Kosovo – die sich im Jahr 2008 für unabhängig erklärte – gilt neben Albanien und Montenegro jetzt als sicheres Herkunftsland. So wurde es im Rahmen der neuen Asylgesetze Ende Oktober vom Bundestag beschlossen. Alle Asylanträge von Flüchtlingen aus dieser Region sollen im Eilverfahren in Erstaufnahmeeinrichtungen abgefertigt und die Betroffenen dann so schnell wie möglich zurück geschickt werden.

„Werden wir jetzt alle in Handschellen abgeführt wie Verbrecher?“

„Werden wir jetzt alle in Handschellen abgeführt wie Verbrecher?“, fragt Arben in perfektem Deutsch. Er befürchtet, jetzt in so ein Erstaufnahmelager verfrachtet zu werden. Das wird in seinem Fall erst einmal nicht passieren: Der Mann aus dem Kosovo ist bereits seit ungefähr einem Jahr wieder in Deutschland und hat einen Antrag bei der Härtefallkommission des Niedersachsen Landstags gestellt. Dort werden seine Integrationsleistungen und seine familiäre Verwurzelung in Deutschland geprüft. Kommt die Kommission zu einem positiven Ergebnis, kann Arben aller Voraussicht nach in Deutschland bleiben. Er hat Glück, dass sein Antrag überhaupt noch begutachtet wird. Allen Kosovo-Flüchtlingen, die seit Oktober nach Deutschland kommen, soll dieses Chance von vornherein verwehrt bleiben.
Arben will weg von den Sozialleistungen und gleichzeitig seine Aussicht auf ein Bleiberecht verbessern. Deshalb sucht er seit Monaten verzweifelt nach einer Arbeit. Inzwischen hat er hat auch schon Firmen gefunden, die ihn einstellen wollten. Eine Arbeitserlaubnis wurde ihm jedoch nicht erteilt: Mal handelte es um Zeitarbeitsfirmen – Zeitarbeit ist Flüchtlingen nicht erlaubt – oder es gab bevorrechtigte Bewerber mit deutschem beziehungsweise EU-Pass. Arbens Ärger ist verständlich: Einerseits soll er sich integrieren, andererseits wird aber genau das durch die geltende Rechtslage erschwert.
Der Mann aus dem Kosovo kam 1972 als Kind jugoslawischer Arbeitsmigranten nach Deutschland. Er wuchs in Lüneburg auf und machte dort seinen Hauptschulabschluss. Bevor er eine Berufsausbildung beginnen konnte, kehrte er zusammen mit seinen Eltern zurück ins damalige Jugoslawien. Als im Jahr 1989 die Balkankriege ausbrachen, kam er wieder nach Deutschland. Hier absolvierte er eine Ausbildung und heiratete. Eine Tochter kam zur Welt. Dann geriet Arben in eine Krise: Seine Ehe scheiterte, eine Arbeit fand er nicht mehr, einige Jahre musste er von Sozialleistungen leben. Dadurch verlor er sein Bleiberecht und wurde im Jahr 2005 von den Behörden zurück ins Kosovo geschickt.

Opfer ethnischer Säuberiungen

Dort hatte inzwischen ein Krieg stattgefunden, Rückkehrer wie Arben waren nach den ethischen Säuberungen durch Angehörige der albanischen Bevölkerungsmehrheit nicht willkommen. Arben gehört zur Minderheit der sogenannten Balkan-Ägypter, die sich als Nachfahren von Migranten aus dem Nil-Delta betrachten, die zur Zeit Alexanders des Großen auf den Balkan gekommen sind. Von den Angehörigen der albanischen Bevölkerungsmehrheit werden sie oft herablassend als „Zigeuner“ bezeichnet. Nach dem Kosovo-Krieg waren sie wie Serben, Roma oder andere Bevölkerungsminderheiten tätlichen Übergriffen und Vertreibungen ausgesetzt. „Es geht uns schlecht im Kosovo“, sagt Arben: ob bei Arbeit oder humanitärer Hilfe, ‚wir Schwarzen’ kriegen meistens nichts“, berichtet er. „Schauen Sie sich das an“, sagt Arben und zeigt die Bilder seiner Behausung, in der er zehn Jahre leben musste: So ist das in der Republik Kosovo.“ Die Bilder zeigen ein altes Haus mit bröckelndem Putz, schimmeligen Wänden in den Innenräumen, einfallendem Dach, morschen Balken, gammeligen Fußboden. „Die Renovierung würde viel Geld kosten“, sagt Arben. Er habe bei den Behörden um Hilfe gebeten, erzählt er, geschehen sei nichts, er könne ja bei den Deutschen oder Franzosen fragen.
Als Angehöriger einer Minderheit diskriminiert, ohne regelmäßige Arbeit, lebend in einem einsturzgefährdetem und schimmligen Haus ohne Strom und Heizung, so ist er im Dezember 2014 erneut nach Deutschland gekommen. Arben kam in der Hoffnung, hier den Kontakt zu seiner Tochter wieder herstellen und sich neue Lebensperspektiven schaffen zu können. Im Kosovo ist er Opfer eines Krieges, der jetzt vielleicht nicht mehr mit Waffen, dafür aber mit den Mitteln der Verelendung gegen bestimmte Bevölkerungsgruppen geführt wird.
„Zurück in den Kosovo, das wäre mein Todesurteil“, sagt Arben. Einstweilen ist er zum Warten verdammt. Zu einem Zustand zwischen Hoffen und Bangen auf eine Change in Deutschland, das er als sein eigentliches Heimatland ansieht.

Prekäre Unabhängigkeit

Ethnische Diskriminierung, Armut und Verelendung großer Bevölkerungsgruppen, insbesondere der ethischen Minderheiten, organisierte Kriminalität, Korruption und Vetternwirtschaft der politischen und wirtschaftlichen Eliten, das ist die Realität im sogenannten „sicheren Herkunftsland“ Kosovo. Deutschland hat daran einen nicht geringen Anteil, wirkte es doch dabei mit, das Kosovo in eine prekäre Unabhängigkeit zu bomben. Mit den Opfern dieser Politik, wie den sogenannten Westbalkanflüchtlingen, will man lieber nichts zu tun haben.
*Name geändert

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Dez 27 2015

Neue Köche braucht das Land

Autor: . Abgelegt unter Über Flucht und Asyl

Jungkoch in der Großküche

In der Küche des Kantinenbetreiber- und Cateringunternehmen Diedloff herrscht geschäftiges Treiben. Überall dampft und brutzelt es, aus Töpfen und Pfannen steigen einem aromatische Gerüche in die Nase. Wer um diese Zeit, es ist neun Uhr morgens, noch nicht gefrühstückt hat, bekommt spätestens jetzt Appetit.
Liridon richtet unter den kritischen Augen des Küchenchefs hochkonzentriert verlockernd aussehende Fingerfoodhäppchen auf einer silbernen Platte an. „Bitte immer exakt vier nebeneinander, gerade ausgerichtet“, belehrt der Chef seinen Mitarbeiter. Die Platten sind für eine Familienfeier bestimmt.
Im September hat der junge Mann bei der Firma Diedloff eine Ausbildung als Koch begonnen. Er ist sind erst vor einigen Monaten als Flüchtling nach Hannover gekommen. Der 23-jährige Liridon P. stammt aus dem Kosovo. Er spricht schon ganz passabel Deutsch, einer der Gründe, warum Unternehmensmanager Tobias Glombitza ihm eine Chance in seinem Unternehmen gibt. Außerdem hat er bereits erste Erfahrungen im Gastronomiebereich mitgebracht.
Kennengelernt hat Firmenmanager Tobias Glombitza seinen neuen Auszubildenden durch den Kontakt mit dem Integrationsmanagement der Stadt Hannover. „Liridon war einen Tag zur Probe da und hat gut mitgearbeitet“, berichtet er: „Also haben wir uns spontan dazu entschlossen, ihm einen Ausbildungsplatz anzubieten“.

“Keiner will mehr Koch werden!“

Mittlerweile gäbe es kaum noch deutsche Schulabgänger, die den Beruf des Kochs ergreifen würden, sagt Glombitza. Die Arbeitszeiten am Wochenende und abends sowie das am Anfang nicht sehr üppige Gehalt, das alles sei für die einheimischen Jugendlichen scheinbar nicht mehr attraktiv. „Der Kochberuf stirbt aus“, klagt Tobias Glombitza. Deshalb ist er froh, dass er den den jungen Mann aus dem Kosovo als Nachwuchskraft für das Unternehmen Diedloff gewonnen zu haben.
Liridon ist dankbar für diese Chance. „Bei mir im Kosovo wäre das niemals möglich gewesen“, erzählt der Kosovare, dort gäbe es kaum Arbeit und gute Ausbildungsplätze schon gar nicht. Sowohl die Auszubildenden als auch ihr Chef hoffen, dass die beiden angehenden Jungköche in Deutschland bleiben können, um ihre Ausbildung abzuschließen, um dann als Köche im Unternehmen weiter zu arbeiten. „Sie sind total bemüht und engagiert“, schwärmt Glombitza. Manchmal gäbe es zwar noch das eine oder andere Verständigungsproblem – aber darauf könne man sich einstellen.
Die Arbeit macht dem Neuling Spaß. „Nur die Berufschule ist schwer“, gibt er zu. „Da brauchen ich wahrscheinlich jemanden für Nachhilfe“. Die Mitarbeiter des Integrationsmanagements, die den Kontakt zwischen Unternehmen und neuen Mitarbeitern vermittelt haben, stehen natürlich weiterhin mit Rat und Tat motivierend zur Seite. Sie werden sich jetzt darum bemühen, einen Nachhilfelehrer für den angehenden Jungkoch zu finden, damit es auch in der Schule klappt.

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Jan 23 2015

Tahmineh aus dem Iran braucht medizinische Hilfe

Autor: . Abgelegt unter Über Flucht und Asyl

Im Namen der Ehre: Vater verätzt seiner Tochter das Gesicht und verletzt sie lebensgefährlich

Tahmineh Yousefi Tahmineh Yousefis Gesicht ist durch einen Säureangriff entstellt. Der eigene Vater hat ihr im Sommer 2013 die ätzende Flüssigkeit ins Gesicht gekippt und sie anschließend stranguliert. Er und ihre Brüder, die dem Vater bei der Attacke unterstützt helfen, sehen die Familienehre verletzt, weil Tahmineh sich von ihrem drogenabhängigen Ehemann getrennt hat.

Der Mordversuch misslingt, die junge Frau kann mit ihrer Schwester nach Deutschland fliehen. Tahmineh leidet unter den schweren Verletzungen, die weiter behandelt werden müssen. Sie hofft, dass die schlimmsten Folgen des Säureangriffs in Deutschland korrigiert werden können. Professor Peter Vogt von der MHH-Klinik für Plastische Chirurgie hält die Verbesserung von Tahminehs Situation durch eine langjährige Behandlung für möglich. Derzeit ist jedoch das Asylverfahren der beiden iranischen Frauen noch nicht abgeschlossen – und das kann nach Auffassung ihrer Anwältin auch noch dauern. Medizinische Behandlung von Asylbewerbern und Asylbewerberinnen werden über das Asylbewerber-Leistungsgesetz abgewickelt. Zuständig sind die Kommunen. Übernommen werden allerdings nur unbedingt notwendige und überlebenswichtige medizinische Maßnahmen. Und was unbedingt notwendig ist interpretieren die Ämter oft nach eigenen Prämissen. Gesichtsoperationen zur Beseitigung der sichtbar entstellenden Verletzungsfolgen gehören wahrscheinlich nicht dazu.

Tamineh benötigt Spenden für die Gesichtsbehandlung

Der Flüchtlingsrat Niedersachsen setzt sich dafür ein, dass Tamineh eine angemessene medizinische Versorgung erhält, um ihr Gesicht wieder herzustellen – auch über die ihr gesetzlich zustehenden medizinischen Leistungen hinaus. Tamineh benötigt zum Beispiel Medikamente, die ihr von Amts wegen nicht bezahlt werden. Beide Schwestern befinden sich in psychotherapeutischer Behandlung.
Kai Weber und Lothar Flachsbart vom Flüchtlingsrat Niedersachsen bitten um Spenden – unter Angabe des Stichworts “Tamineh/Shahin – auf das folgende Konto:

Konto 4030 460 700 – GLS Gemeinschaftsbank eG – BLZ 430 609 67
Zweck: Tamineh/Shahin
IBAN: DE28 4306 0967 4030 4607 00 / BIC: GENODEM1GLS

Herzlichen Dank für Ihre Unterstützung!

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Mrz 25 2009

Wir wissen nicht mehr, wo wir hingehören

Autor: . Abgelegt unter Geschichten,Über Flucht und Asyl

(Der Flüchtlingsrat, Sonderheft 117 – 2007: „Wir wollen leben, wie Menschen es verdient haben!“ Flüchtlinge im Portrait)

Wie so häufig in den letzten Monaten ist die drohende Abschiebung auch heute wieder das beherrschende Thema bei den Beqiroviqs. Zu Gast ist Matthias Köhler, der Chef des Familienvaters. Aus den hinteren Zimmern tönt Kinderlärm. Bei Kaffee und Kuchen wird über Petition, Härtefallantrag und Bleiberechtsregelung geredet. “Die ist aber noch ganz schön eisig”, bemerkt Matthias Köhler zwischendurch mit einer kleinen Geste in Richtung Kuchen. “Tut mir Leid”, erwidert Jupo Beqiroviq und lächelt verschmitzt.

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