Mai 17 2015

„Der Hund braucht was für den Kopf!“

Abgelegt 20:58 unter Mensch und Hund

Shepherds
Als Halter eines Hütehundes weiß man: Ein Hütehund braucht was für den Kopf. Aber was heißt das eigentlich: was für den Kopf?
Das heißt, dass der Hund etwas tun will, bei dem er selbstständige Entscheidungen treffen muss.

Entscheidungen? „Unsere Hundeschulentrainerin erzählt uns doch immer was vom Konditionieren“, werden einige Leser einwenden. Stimmt, die Verhaltenstheorie, aus der dieser Begriff stammt, ist unter Hundetrainern und anderen vermeintlichen Hundeexperten weit verbreitet. Es herrscht die Auffassung, der Hund eigne sich gewünschte Verhaltensweisen an, indem er darauf trainiert werde, auf ein bestimmtes Signal ein spezifisches Verhalten zu zeigen, und das funktioniere, da dieses gewünschte Verhalten mit einer Bedürfnisbefriedigung verbunden sei. Zum Beispiel: Der Hund setzt sich auf das Kommando “Sitz” hin und dafür gibt es ein Leckerchen. Dabei lassen sich, so sagen die Verhaltenstheoretiker, auch solche Signale mit positiven Bedeutungen verknüpfen, die an und für sich für den Hund gar keine Bedeutung haben.
Den Begriff „Verknüpfen“ haben wir beim Hundetraining auch schon häufiger gehört, er ist sehr beliebt. Immerzu soll der Hund irgend etwas verknüpfen und wenn sich eine Sache nicht verknüpfen lässt, hat sie in der Hundeerziehung angeblich auch nichts verloren.
Nehmen wir das klassische Beispiel, die berühmten Pawlowschen Hunde: Dem Hund wird ein leckerer saftiger Knochen vorgeführt. Lecker, dem Hund läuft das Wasser im Munde zusammen beziehungsweise die Lefzen herunter. Beim zweiten Mal wird dem Hund wieder der Knochen vorgeführt, diesmal kombiniert mit einem Geräusch, einer Glocke. Das geht es paar Mal so und es passiert immer das Gleiche: Knochen, lecker, der Speichel fließt! Dann ertönt plötzlich nur noch die Glocke, der Knochen bleibt verschwunden. Und? Der Hund reagiert wieder mit Speichelfluss. Was also ist passiert. Unser Vierbeiner hat die Reaktion auf den Knochen mit der Reaktion auf die Glocke verknüpft. Jetzt muss nur noch die Glocke ertönen und der Hund hat den Knochen im Kopf. Lecker, geifer gibber!
Nach Auffassung der Anhänger der Verhaltenstherapie ist dies die Art und Weise, wie ein Hund (oder andere Säugetiere) hauptsächlich lernen. Wir kennen das ja aus der Hundeschule. Der Hund soll beispielsweise das Wort „fein“ – und zwar möglichst empathisch vorgetragen, mit einem Leckerchen – also mit einer Belohung verknüpfen. Wie im Pawlowschen Versuch kann irgendwann das Leckerchen weggelassen werden und allein unser Ausruf „Oh Fein!“ bedeutet für den Hund Belohnung.

So weit so gut. Es ging ja um Hütehunde. Der Hund braucht also was für den Kopf. Eine Glocke und einen Knochen?
Nein! Hunde (und nicht nur Hütehunde) lernen wesentlich differenzierter, als es uns die Verhaltensfreaks weis machen wollen. Das in der Verhaltenstheorie beschriebene Konditionieren spricht nämlich in erster Linie das vegetative Nervensystem an. Auf einen Reiz erfolgt zwangsläufig eine Reaktion. Das ist eine sehr primitive Form von „Lernen“, dominant bei einfacheren Lebensformen wie etwa Insekten.
Bei Säugetieren (auch beim Menschen) gibt es diese vegetativen Reaktionen auch noch, sie sind aber häufig überlagert – oder sagen wir lieber erweitert beziehungsweise bereichert – vom Lernen durch Erfahrung. Hunde sind in der Lage, aus bestimmten Erfahrungen Schlussfolgerungen zu ziehen und dieses Erfahrungswissen auch einzusetzen. Dazu gehört auch die Fähigkeit, auf einen bestimmten Reiz nicht zwangsläufig eine ganz bestimmte Reaktion zeigen zu müssen, sondern Alternativen zur Verfügung zu haben. Und wo es Alternativen gibt, muss es auch Entscheidungen geben. Der Hund kann sich entscheiden: ob er sich so oder so verhalten will – und die Grundlage seiner Entscheidungen sind seine Erfahrungen. Von einem Hütehund beispielsweise wird verlangt, dass er relativ selbstständig arbeitet. Er muss zum Beispiel verirrte Schafe in Hochgebirgsregionen allein wieder zum Schäfer treiben, er muss bei einer großen Herde einschätzen können, wo die störrischen Schafe als nächstes versuchen werden, auszubrechen. Das erfordert immer selbstständige Entscheidungen in kritischen Situationen.
Und warum kann er das? Weil er Erfahrungen gemacht hat und in der Lage ist, aus Erfahrungen zu lernen, Erfahrungen zu verallgemeinern. Ein hochkomplexer Vorgang.
Mir hat einmal eine Hundetrainerin weiszumachen versucht, Hunde könnten nicht denken. Ich war dort nur zu Gast und habe daher auch nur leise protestiert. Wäre ich regulärer Teilnehmer gewesen, hätte ich sofort meine Sachen gepackt. Fragen Sie mal einen Verhaltenstheorie-Freak, wie er einen Hund auf das Hüten konditionieren will? Absolut lachhaft. Unmöglich!
Der Hütehund ist also besonders gut darin, aus Erfahrungen zu lernen. Er braucht etwas für den Kopf, heißt, er braucht eine Arbeit beziehungsweise eine Beschäftigung, bei der er selbstständige Entscheidungen treffen muss.
Wenn wir beurteilen wollen, ob irgendeine Art von Aktivität oder Hundesport etwas für unseren Hütehund ist, so müssen wir uns zuerst fragen: kann der Hund dabei selbstständig arbeiten, sind dabei seine in der Anlage immer schon vorhandenen Fähigkeiten gefordert, selbstständig Entscheidungen zu treffen?
Und wenn Ihnen Ihre Hundetrainerin das nächste Mal erzählt, Hunde könnten nicht denken und müssten nur richtig konditioniert werden, wechseln Sie bitte ohne noch ein weiteres Wort zu verlieren und mit der Wimper zu zucken die Hundeschule!

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