Jan 04 2014

Aus meinem baltischen Tagebuch

Abgelegt 15:14 unter Mensch und Hund

Schönberger Strand: Zwischen Deich und Ladenzeile mit Döner- und Fischbrötchenbuden, Cafes und Nippesläden, gibt es einen etwa 50 Meter breiten Grünstreifen, auf dem Hundebesitzer ihre vierbeinigen Freunde gern auch einmal ableinen. Hier fällt uns ein Australian Shephard auf, der, in diesem Fall angeleint, seinen Besitzer mal nach rechts, mal nach links quer über den Rasen zieht.
Als Aussiehalter freuen wir uns für gewöhnlich, wenn uns andere Aussies mit ihren Menschen über den Weg laufen. Wahrscheinlich geht das den meisten Rassehundefreunden so: da werden untereinander gern Erfahrungen ausgetauscht, man erkundigt sich nach den Züchtern und oft ­– die Welt ist klein – kennt man jemanden in der jeweiligen Szene, den der andere zufällig auch kennt. Am größten ist die Freude, wenn der andere Hund zufällig auch noch vom gleichen Züchter stammt. Das ist dann quasi so, als träfe man irgendwo einen Verwandten, von dem man bisher nichts wusste. Ja, Hundebesitzer ticken so!
Nun also der Aussie auf dem Grünstreifen am Schönberger Strand: Um sicher zu gehen, dass es bei Kontaktaufnahme nicht zu Hand- beziehungsweise Gebissgreiflichkeiten zwischen den Caniden und Ärger zwischen den Haltern kommt, rufe ich dem anderen Aussiehalter wie bei solchen Gelegenheiten üblich zu: „Rüde oder Hündin?“ „Hündin“, antwortet er, „aber ich darf gerade nicht mit ihr reden“.
Wie bitte? Egal, erst einmal Leinen los, das geht ja auch ohne große Worte ­– alles andere klären wir später: Satchy und die fremde Hundedame können sich ungeniert beschnuppern. Der Halter, nennen wir ihn Erwin, ist Rentner, kommt aus Neumünster und fahrt ab und zu mit seiner Aussiehündin hier an die Ostsee. So weit ist es ja auch nicht von Neumünster aus. „Wie heißt sie denn?“, frage ich. „Mücke“, sagt Erwin, und beißt sich fast auf die Zunge, „siehste, jetzt fühlt sie sich gleich angesprochen!“ Ansprechen darf Erwin die Sherpherdhündin nämlich zwei Wochen lang nicht, dass wurde ihm in seiner Hundeschule in Neumünster, die größte vor Ort, wie er erzählt, dringend nahe gelegt. „Sie hat nämlich ein Dominanzproblem und ein ausgeprägtes Territorialverhalten“, erzählt Erwin. Sprich: sie kläfft am Gartenzaun gern die Passanten an und macht es Freunden, Postboten und anderen Dienstleistern nicht gerade leicht, Haus und Grundstück zu betreten.
Und? Soll Erwin jetzt deswegen zwei Wochen lang die beleidigte Leberwurst spielen, oder warum darf er nicht mehr mit seiner Hündin reden. Ich ahne den dahinter stehenden Gedanken. Mücke, die sich also angeblich ausgesprochen „dominant“ und „territorial „verhält, ist außerdem sehr auf Erwin fixiert. Ihr soll jetzt zwei Wochen lang so sehr die Aufmerksamkeit entzogen werden, bis sie förmlich danach giert. Und dann eben noch mehr an Erwin klebt und sich auf ihn fixiert. Vielleicht, so scheint man in der Hundeschule zu hoffen, wird sie dann besser auf ihn hören.
Kann man ihr damit wirklich das „territoriale“ Gekläffe und Geknurre austreiben? Ehrlich gesagt, habe ich noch nie viel von solchen behaverioistischen Manipulationstricks gehalten, und zwar weder bei Menschen noch bei Hunden. Außerdem bezweifle ich in diesem Fall stark, dass das Ganze auch nur irgendwie funktioniert. Was ist das Problem? Ganz einfach, der Hund nimmt Erwin nicht für voll! Erwin ist für Mücke nicht der Typ, der die Sache im Griff hat und dem sie vertrauen kann. Also muss sie die Dinge selbst in die Pfoten nehmen: Haus und Hof bewachen und darauf achten, dass ihr und Erwin niemand dumm kommt, Konflikte regeln, aufpassen. Nicht Mücke hat ein Problem, sondern Erwin, der von seinem Hund nicht als kompetenter Chef akzeptiert wird. Und da soll zwei Wochen Aufmerksamkeitsentzug helfen? Nie und nimmer. Im Gegenteil, je weniger er sich um sie kümmert, desto mehr wird Mücke wahrscheinlich das Gefühl kriegen, dass sie sich eben noch mehr selbst kümmern und die Angelegenheiten regeln muss. „Betreiben Sie mit ihrem Hund denn irgendwelche Aktivitäten?“, frage ich Erwin. „Hm“, sagt er, „Spazierengehen, Fahrradfahren, später machen wir dann Agility und so was“. Ein eineinhalbjähriger Australian Shepherd will etwas lernen, etwas erleben, Aufgaben haben. Mit ein bisschen Spazierengehen und Fahrradfahren ist es da nicht getan. Erwin muss mit Mücke was auf die Beine stellen. Einmal wöchentlich Agility wird es da auch nicht rausreißen. Regelmäßiges Gehorsamkeitstraining, Tricks, zuhause und draußen immer wieder und vor allem regelmäßig kleine Übungen einbauen, das ist hier gefragt.
Eigentlich hätte ich Erwin dringend raten sollen, die Hundeschule zu wechseln. Aber um nicht als Klugschieter dazustehen, habe ich davon abgesehen. Erfahrungsgemäß zählen gute Tipps für die meisten nur dann etwas, wenn die so richtig teuer sind. In Erwins Hundeschule kostet die Stunde 60 Euro. Ich sollte vielleicht 100 nehmen!?

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