Monatsarchiv für Januar 2014

Jan 20 2014

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Die Ostsee, der Sheppy, der Schwimmy, ich und die Warmduscher

Abgelegt unter Real Shepherds Storys

Die Ostsee ist ein Brackwassermeer. Brackwasser, denkt man da nicht unwillkürlich an Fäulnis? Oder auch an das verdreckte Wasser in manchem Hafenbecken, das nach altem Schiffsdiesel, Seetank, verfaulten Fisch und Abfällen stinkt? Aber das ist nicht gemeint. Die Ostsee ist sogar vergleichweise sauber, das beteuern jedenfalls die Verantwortlichen im schleswig-holsteinischen Gesundheitsministerium. Als Brackwassermeer bezeichnet man dieses Gewässer, weil sein Salzgehalt in weiten Teilen unter einem Prozent liegt.
Und weil Brackwasser nicht Dreck sondern nur weniger salzig bedeutet, steht einem erfrischendem Bad in der Ostsee nichts im Wege, im Gegenteil, da schmeckt es beim Wasserschlucken nicht ganz so ekelig wie drüben in der Nordsee. Dagegen sprechen jetzt Ende September schon eher die Luft- und Wassertemperaturen. Erstere liegt derzeit so um die 13 bis 14 ­– , letztere bei 17 Grad. Jedenfalls sieht man zu dieser Jahreszeit hier kaum noch jemanden baden.
Ich gehöre zu den wenigen Ausnahmen. Wobei die Gründe dafür einerseits der noch kurz vor dem Urlaub gelungenen Entfernung des Nierensteins und andererseits einer kleinen Portion Geiz geschuldet sind. Den ganzen Sommer über musste ich wegen dem megamäßigen Stein im dadurch komplett verstopften Harnleiter mit diesem blöden Katheter in der linken Niere herumlaufen. Nix mit erfrischendem Bad zur Abkühlung von den sommerlich heißen Temperaturen. Das kann ich jetzt bei nicht mehr ganz so großer Hitze endlich nachholen – und zwar erstmals am Samstag den 14. September, einem angenehm milden Spätsommertag. Tags darauf hat schon erheblich aufgefrischt, als ich mit dem Shepherd zu einem ausgedehnten Strandspaziergang unterwegs bin.
Bei Wasser in Verbindung mit einem gewissen schwimmenden Wurfgegenstand, dem so genannten Schwimmy, mutiert der Shepherd quasi zu einem Seehund. Na ja, nicht ganz. Auf jeden Fall nimmt er eine lauernde Border-Collie-Haltung ein, sobald er See oder Meer riecht. Dabei fixiert er einen mit seinem starren Hütehundeblick, als wäre man ein zu hütendes Schaf. Das hält der Sheppy stundenlang durch, meistens solange, bis man endlich nachgibt und ihm den Schwimmy ins Wasser wirft. Aber zum Seehund reicht es dann eben doch nicht ganz: Er springt nämlich nur hinterher, wenn er den Schwimmy noch im Wasser orten kann. Hat man zu weit geworfen und nimmt beispielsweise ein zu hoher Wellengang die Sicht, läuft gar nichts. „Ich spring doch nicht einfach so ins Wasser, spinnst du, viel zu kalt“, signalisiert der Sheppy einem in diesem Fall. Auf diese Art und Weise sind allein in diesem Jahr schon mindestens zwei Schwimmies am See drauf gegangen. Selbst rein springen konnte ich ja nicht, wegen der Nierenfistel.
So läuft es auch jetzt wieder. So ein Schwimmy kostet immerhin fast acht Euro und ich habe ihn zu weit geworfen. Der Sheppy springt zwar aufgeregt am Ufer herum, aber ins Wasser will er sich partout nicht bequemen. Ich werde ich richtig ärgerlich: Du dummer Hund, schreie ich ihn an, hol endlich das blöde Ding aus dem Wasser, sonst spiele ich nicht mehr mit dir. Ja, man kann in solchen Fällen richtig regridieren. Immerhin schaffe ich es schließlich doch, den Hund ins Wasser zu dirigieren. Schließlich ist er Rettungssuchhund. Dem mehrmals sachlich aber energisch vorgetragenden Befehl „Voran“ kann er sich letztlich nicht verschließen. Aber die Wellen sind einfach zu hoch: der Sheppy krawlt einen halben Meter am Schwimmy vorbei und strampelte dann eilig wieder auf das Ufer zu.
„Okay, für acht Euro springst du jetzt selbst hinterher“, sage ich mir. Und stelle dann nach einigen kräftigen Schwimmzügen fest, das so ein Ostseebad auch zu Herbstbeginn und bei auffrischendem Wind noch eine feine Sache sein kann. Man muss sich nur möglichst schnell überwinden, beherzt ins Wasser jumpen und dann mindestens fünfzehn Sekunden lang kräftige Schwimmzüge machen. Ist der Körper gut durchblutet, fühlt man sich erfrischt und gewärmt zugleich.
Also gehöre ich jetzt zu den Exoten, die bei 14 Grad Luft- und 17 Grad Wassertemperatur regelmäßig in die Ostsee gehen. Aber was heißt Exoten, scheinbar bin ich hier der einzige Badeexot. Während ich im Wasser herumplansche und mit dem Sheppy Wasserball spiele, kommen mir nur regelmäßig Strandspaziergänger entgegen, die so eine gewisse Bewegung mit Daumen und Zeigefinger machen und mir grinsend zurufen: „So kalt ungefähr, wa!? Hähahäha!“ Sehr witzig, ihr Warmduscher.

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Jan 04 2014

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Aus meinem baltischen Tagebuch

Abgelegt unter Mensch und Hund

Schönberger Strand: Zwischen Deich und Ladenzeile mit Döner- und Fischbrötchenbuden, Cafes und Nippesläden, gibt es einen etwa 50 Meter breiten Grünstreifen, auf dem Hundebesitzer ihre vierbeinigen Freunde gern auch einmal ableinen. Hier fällt uns ein Australian Shephard auf, der, in diesem Fall angeleint, seinen Besitzer mal nach rechts, mal nach links quer über den Rasen zieht.
Als Aussiehalter freuen wir uns für gewöhnlich, wenn uns andere Aussies mit ihren Menschen über den Weg laufen. Wahrscheinlich geht das den meisten Rassehundefreunden so: da werden untereinander gern Erfahrungen ausgetauscht, man erkundigt sich nach den Züchtern und oft ­– die Welt ist klein – kennt man jemanden in der jeweiligen Szene, den der andere zufällig auch kennt. Am größten ist die Freude, wenn der andere Hund zufällig auch noch vom gleichen Züchter stammt. Das ist dann quasi so, als träfe man irgendwo einen Verwandten, von dem man bisher nichts wusste. Ja, Hundebesitzer ticken so!
Nun also der Aussie auf dem Grünstreifen am Schönberger Strand: Um sicher zu gehen, dass es bei Kontaktaufnahme nicht zu Hand- beziehungsweise Gebissgreiflichkeiten zwischen den Caniden und Ärger zwischen den Haltern kommt, rufe ich dem anderen Aussiehalter wie bei solchen Gelegenheiten üblich zu: „Rüde oder Hündin?“ „Hündin“, antwortet er, „aber ich darf gerade nicht mit ihr reden“.
Wie bitte? Egal, erst einmal Leinen los, das geht ja auch ohne große Worte ­– alles andere klären wir später: Satchy und die fremde Hundedame können sich ungeniert beschnuppern. Der Halter, nennen wir ihn Erwin, ist Rentner, kommt aus Neumünster und fahrt ab und zu mit seiner Aussiehündin hier an die Ostsee. So weit ist es ja auch nicht von Neumünster aus. „Wie heißt sie denn?“, frage ich. „Mücke“, sagt Erwin, und beißt sich fast auf die Zunge, „siehste, jetzt fühlt sie sich gleich angesprochen!“ Ansprechen darf Erwin die Sherpherdhündin nämlich zwei Wochen lang nicht, dass wurde ihm in seiner Hundeschule in Neumünster, die größte vor Ort, wie er erzählt, dringend nahe gelegt. „Sie hat nämlich ein Dominanzproblem und ein ausgeprägtes Territorialverhalten“, erzählt Erwin. Sprich: sie kläfft am Gartenzaun gern die Passanten an und macht es Freunden, Postboten und anderen Dienstleistern nicht gerade leicht, Haus und Grundstück zu betreten.
Und? Soll Erwin jetzt deswegen zwei Wochen lang die beleidigte Leberwurst spielen, oder warum darf er nicht mehr mit seiner Hündin reden. Ich ahne den dahinter stehenden Gedanken. Mücke, die sich also angeblich ausgesprochen „dominant“ und „territorial „verhält, ist außerdem sehr auf Erwin fixiert. Ihr soll jetzt zwei Wochen lang so sehr die Aufmerksamkeit entzogen werden, bis sie förmlich danach giert. Und dann eben noch mehr an Erwin klebt und sich auf ihn fixiert. Vielleicht, so scheint man in der Hundeschule zu hoffen, wird sie dann besser auf ihn hören.
Kann man ihr damit wirklich das „territoriale“ Gekläffe und Geknurre austreiben? Ehrlich gesagt, habe ich noch nie viel von solchen behaverioistischen Manipulationstricks gehalten, und zwar weder bei Menschen noch bei Hunden. Außerdem bezweifle ich in diesem Fall stark, dass das Ganze auch nur irgendwie funktioniert. Was ist das Problem? Ganz einfach, der Hund nimmt Erwin nicht für voll! Erwin ist für Mücke nicht der Typ, der die Sache im Griff hat und dem sie vertrauen kann. Also muss sie die Dinge selbst in die Pfoten nehmen: Haus und Hof bewachen und darauf achten, dass ihr und Erwin niemand dumm kommt, Konflikte regeln, aufpassen. Nicht Mücke hat ein Problem, sondern Erwin, der von seinem Hund nicht als kompetenter Chef akzeptiert wird. Und da soll zwei Wochen Aufmerksamkeitsentzug helfen? Nie und nimmer. Im Gegenteil, je weniger er sich um sie kümmert, desto mehr wird Mücke wahrscheinlich das Gefühl kriegen, dass sie sich eben noch mehr selbst kümmern und die Angelegenheiten regeln muss. „Betreiben Sie mit ihrem Hund denn irgendwelche Aktivitäten?“, frage ich Erwin. „Hm“, sagt er, „Spazierengehen, Fahrradfahren, später machen wir dann Agility und so was“. Ein eineinhalbjähriger Australian Shepherd will etwas lernen, etwas erleben, Aufgaben haben. Mit ein bisschen Spazierengehen und Fahrradfahren ist es da nicht getan. Erwin muss mit Mücke was auf die Beine stellen. Einmal wöchentlich Agility wird es da auch nicht rausreißen. Regelmäßiges Gehorsamkeitstraining, Tricks, zuhause und draußen immer wieder und vor allem regelmäßig kleine Übungen einbauen, das ist hier gefragt.
Eigentlich hätte ich Erwin dringend raten sollen, die Hundeschule zu wechseln. Aber um nicht als Klugschieter dazustehen, habe ich davon abgesehen. Erfahrungsgemäß zählen gute Tipps für die meisten nur dann etwas, wenn die so richtig teuer sind. In Erwins Hundeschule kostet die Stunde 60 Euro. Ich sollte vielleicht 100 nehmen!?

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