Pepper Adams: Sie nannten ihn The Knife

Ein Musikerportrait

Nur wenige Jazzmusiker haben sich an das Baritonsaxophon als Soloinstrument gewagt. Zu ihnen gehört Pepper Adams. Und er zählt zweifellos zu den besten großen Solisten, die der Jazz hervorgebracht hat.

In den Saxophonsätzen größerer Orchester übernahm das Baritonsaxophon meistens die Basslinien. Wenn Pepper Adams es spielte, war nichts mehr von der Mühe zu spüren, die es kostete, dieses Instrument zu beherrschen. "Wir nannten ihn das Messer", hat der Bandleader Mel Lewis einmal über Pepper Adams gesagt, "denn sein Ton schnitt regelrecht in uns hinein. Und wenn er mit dem Spielen fertig war, hatte er uns alle auf unsere wahre Größe zurecht gestutzt"

Pepper Adams auf dem Cover von Twelfth & Pingree
Pepper Adams auf dem Cover von Twelfth & Pingree

Stechend und intensiv war Adams Ton, mit einem rasiermesserscharfen Timing, gleichzeitig hatte er einen ungeheuren Swing, sein Sound erinnerte eher an die großen schwarzen Altsaxophonisten denn an die Baritonspieler seiner Zeit. Damit bildete er klanglich einen deutlichen Gegenpol zu seinem berühmteren Bariton-Kollegen Gerry Mulligan, dessen Ton immer auf eine dunstige aber vibratoarme Weise rein und oft fast klassisch konzertant wirkte. Völlig zu Unrecht stand Pepper Adams Zeit seines Lebens unter dem Schatten des etwa drei Jahre älteren Mulligan, der allerdings die ästhetischen Vorstellungen weißer Jazzfans aus dem Mittelstand besser traf.

Pepper Adams hingegen war expressiv, ganz und gar bluesorientiert und von der schwarzen Spiritualität des Hard Bop Sounds beseelt. Hard Bop, das war die musikalische Sprache schwarzer Jazzmusiker, die sich in den fünfziger Jahren des 20. Jahrhunderts auf die kulturellen Roots der Afroamerikaner bezogen: Blues, Worksongs und Gospel waren ihre Quellen. Pepper Adams, ein Weißer, konnte sich darin so überzeugend ausdrücken, dass ihn für einen Schwarzen hielt, wer ihn nicht gesehen sondern nur gehört hatte. Und umgekehrt, wer ihn sah konnte sich kaum vorstellen, welch ein musikalisches Feuerwerk er mit seinem Bariton hervorzauberte. Pepper Adams war ein hagerer langer Lulatsch mit schütterem Haar und einem bis zum Kinn hinunter wachsenden Schnurrbart. Gelehrt sehe er aus, sagten manche.

Am 08. Oktober 1930 wurde Pepper Adams als Park Adams in Highland Park, US Bundestaat Illinois, etwa 20 Meilen von Chicago entfernt, geboren. Es herrschte die Wirtschaftskrise in den USA. Die Familie Adams zog mehrfach um, der Arbeit wegen. Zuerst nach New York, wo der Zwölfjährige begann, Tenorsaxophon zu lernen und Jazzmusik zu hören. Coleman Hawkins, Duke Ellington, Don Byas, Charlie Christian und andere Jazzer begeisterten ihn. Hier hatte er 14-jährig seinen ersten professionellen Auftritt als Musiker, in der Begleitcombo des damals bekannten Boogie Woogie Pianisten Meade Lux Lewis.

Im Jahr 1946 ließ sich die Familie Adams in Detroit wieder. In Detroit boomte schon seit einigen Jahren die Autoindustrie, in Detroit gab es Jobs. Detroit war ein Magnet für Menschen auf der Suche nach Arbeit: Es war die Autostadt der USA, von vielen bis heute als „Motor City oder Motown“ bezeichnet. Hier fand Pepper Adams zum Bariton. Und auch seine musikalische Heimat fand er hier, die „Motor City Szene“. Donald Byrd gehörte dazu, Paul Chambers, Tommy Flanagan, Elvin Jones und andere, die den Hard Bop Jazz der fünfziger Jahre entscheidend mitprägten. Pepper Adams und die Afroamerikaner der Motor City Jazz-Scene passten zusammen wie die Faust aus Auge: Der weiße Baritonsaxophonisten spielte sein Instrument so bluesdurchtränkt, als wäre er schon immer einer von ihnen gewesen.

Pepper Adams gehörte zu den ganz wenigen weißen Musikern, die in der Hard Bop Community der fünfziger Jahre des letzten Jahrhunderts Anerkennung fanden. Für sein 1958 auf dem Blue Note Label veröffentlichtem Album „10 to 4 at the 5-Spot“ bekam er den Down Beat Kritiker Preis in der Kategorie Neue Talente.

Viele der jungen Detroiter Jazzmusiker hielt es bald nicht mehr in Motown. Sie wollten nach New York, in die Metropole des modernen Jazz. Dort bildeten sie eine eigene kleine Gemeinschaft, die der Musik des Big Apple neue Impulse gab. 1956 zog es auch Pepper Adams in die Stadt. Gemeinsam mit Donald Byrd leitete er in den nächsten Jahren ein Quintett, das einige bedeutende Alben produzierte. Auf „Out Of This World“ saß dabei der junge Herbie Hancock am Klavier.

Auch heute ist es für junge ambitionierte Musiker nicht einfach, in New York Fuß zu fassen. Leicht war es dort auch für die Hard Bop Musiker in den fünfziger, sechziger und siebziger Jahren nicht. Es waren häufig zu viele, die sich um Anerkennung und die lukrativen Jobs in den Clubs und Studios bemühten.

Als Baritonsaxophonist war Pepper Adams noch ganz gut dran, denn versierte Musiker am Bariton gab es nicht wie Sand am Meer. Doch auch Adams konnte vom Jazz allein nicht überleben und musste als Studiomusiker eben die Jobs annehmen, die sich gerade boten. Abends traf man sich dann mit anderen, um wieder Jazz zu spielen. Aus so einem Feierabendtreffen entstand 1965 die Thad Jones-Mel Lewis Big Band, mit der Adams fortan immer wieder durch die Lande tourte.

Im Laufe der Zeit entwickelte sich diese Band zu einem vielbeschäftigten Jazzorchester, das in den siebziger Jahren häufiger auch in Europa zu hören war. Im August 1975 nahm Pepper Adams auf einer dieser Europatourneen im Münchner Jazzclub Domizil sein Live-Album „Twelfth and Pingree“ auf.

Ab 1978 war Adams wieder als Solist und Studiomusiker vornehmlich in New York tätig. Über seine Engagements in verschiedenen Jazzorchestern hinaus, hat Pepper Adams zeit seines Lebens mit vielen der Berühmtheiten des Jazz zusammen gearbeitet. Unter ihnen Julian Cannonbal Adderley, Charly Mingus, John Coltrane und Chet Baker. Dem im August 1975 verstorbenen Cannonball Adderley widmete Adams das noch im gleichen Monat aus dem Konzert im Münchner Domicile entstandene Album „Julian“. Pepper Adams selbst starb am 10. September 1986 viel zu früh an den Folgen einer Krebserkrankung.

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