Mrz 18 2008

Der Körper spricht immer

Autor: . Abgelegt unter Politik - Wirtschaft - Soziales

(pflegen: Demenz 1/06)

Jede pflegerische Handlung ist ein Akt der Kommunikation. Auch wenn demenzkranke und depressive Menschen nicht mehr sprechen, teilen sie sich durch Gesten und Körpersprache mit und nehmen Signale aus ihrer Umgebung wahr. Der Journalist und Sozialwissenschaftler ACHIM BEINSEN beschreibt die Grundlagen der Kommunikation und ihre Bedeutung für die Altenpflege. Im Mittelpunkt steht die besondere Problematik demenzerkrankter Personen.


Die Kommunikation mit demenzkranken Menschen ist aufgrund krankheitsbedingter Einschränkungen der Sprach- und Denkfähigkeit oft mühsam. Nicht selten verkomplizieren zudem eine altersbedingte Schwerhörigkeit oder andere Erkrankungen die Verständigung zwischen Pflegenden und Betroffenen. Dennoch ist jede Pflegehandlung immer auch Kommunikation, denn die findet überall dort statt, wo Menschen miteinander in Beziehung treten: Kommunikation ist mehr als reden. „Man kann nicht nicht kommunizieren“, sagt der Philosoph und Psychotherapeut Paul Watzlawick (2000; S. 53).

Kommunikation
Grafik: Beinsen

Zwischenmenschliche Kommunikation beinhaltet den Austausch von Informationen zwischen zwei oder mehreren Individuen. Ein Sender verschlüsselt seine Botschaft in sprachliche oder nicht-sprachliche Zeichen. Damit die Botschaft verstanden wird, muss der Empfänger die Zeichen kennen und entschlüsseln können. Dabei ist zu beachten: Kommunikative Zeichen bestehen nicht nur aus der wörtlichen Rede. Auch wenn der Mund schweigt, spricht der Körper. Selbst dann, wenn der Mensch sich zurückzieht, macht er auf der nicht-sprachlichen – nonverbalen – Ebene eine Mitteilung. Diese kann lauten, „lass mich in Ruhe“, aber auch, „bitte kümmere dich um mich“.

Demenzerkrankten fällt das Verstehen, das Entschlüsseln der kommunikativen Zeichen schwerer als anderen. Auch das Sprechen wird mühsamer: Je weiter die Demenzerkrankung fortgeschritten ist, desto weniger Worte stehen den Betroffenen zur Verfügung. Die zielgerichteten verbalen Kommunikationsversuche werden dadurch immer mühsamer (Powell 2000). Daraus können kommunikative Missverständnisse entstehen. Die möglichen Folgen: Wut, Ärger und unter Umständen Rückzug, weil der Betroffene sich einfach nicht mehr verstanden fühlt. Ein Rückzug muss daher nicht zwangsläufig das Bedürfnis nach dem Alleinsein ausdrücken. Er kann eben auch Folge nicht gelingender, frustrierender Kommunikation sein. Daher sollten diesen Personen stets neue kommunikative Angebote gemacht werden, die sich an ihren jeweiligen Fähigkeiten orientieren müssen. Rückzugsverhalten von Menschen mit Demenz darf nicht einfach als „eben so gewollt“ hingenommen werden, ohne weiterhin Kontakt anzubieten. Denn dies schädige in hohem Maße die Person und entspreche nicht dem zutiefst menschlichen Bedürfnis nach Bindung, schreibt der Sozialpsychologe Tom Kitwood (Kitwood 2000).

Je mehr den alten Menschen die Fähigkeit zum Sprechen und Verstehen abhanden kommt, desto mehr sind sie auf Gesten, Berührungen und Mimik angewiesen. Körpersprache ist dem Willen des Menschen weitgehend entzogen, sie hat eher einen spontanen Charakter und erscheint daher selbstverständlicher als das gesprochene Wort. Wohl aus diesem Grund ist sie von demenzerkrankten Menschen weitaus länger versteh- und anwendbar als die Sprache. Nonverbale Kommunikation ist manchmal die einzige Möglichkeit, mit den Betroffenen in Kontakt zu treten, sagt die Linguistin Svenja Sachweh.
In anderen Fällen wiederum ist gerade die Fähigkeit der Körpersprache vermindert, zum Beispiel aufgrund zusätzlicher Erkrankungen neben der Demenz: Die Parkinson-Krankheit etwa bewirkt häufig eine zunehmende Beeinträchtigung der Mimik, bekannt als „Salben- oder Maskengesicht“. Die Ausdruckskraft kann dabei durch Tremor und Rigor, also dem unwillkürlichen, rhythmischen Zittern, reduziert sein. Körpersprache funktioniert hier als Versenden von Botschaften nur noch eingeschränkt. Ein Zusammentreffen von Parkinson oder Multipler Sklerose und Demenz stellt die Kommunikationsfähigkeiten von Pflegenden und Betroffenen vor große Schwierigkeiten.

Eine besondere Herausforderung ist auch der Umgang und die Kommunikation mit blinden oder stark sehbeeinträchtigten Menschen: Sie können außer Berührungen je nach Beeinträchtigungsgrad kaum körpersprachliche Botschaften empfangen. „Wer effektiv mit pflegebedürftigen alten Menschen kommunizieren will, sollte nicht nur lernen, die Körpersprache bewusster einzusetzen, sondern sie gegebenenfalls auch durch sprachliche Kommunikation zu ersetzen”, schreibt Sachweh (2006; S.53). Ein halbes Jahr hat die Linguistin für ihre Studie über „Kommunikation in der Altenpflege“ in einem süddeutschen Altenheim hospitiert, Gespräche zwischen Bewohnern und Pflegenden aufgezeichnet und anschließend analysiert.

Dabei fand sie heraus, dass sowohl Pflegende als auch Ärzte häufig in einer kindlichen Sprache mit den Heimbewohnern kommunizieren. Eine melodiöse, „singsanghafte“ Stimme, in der mehr hohe als tiefe Töne verwendet werden, Verniedlichungen, spezielle Wortschöpfungen wie „Wauwau“ oder „Pipi“ und die Vermeidung der Personalpronomen „ich“ und „du“ sind einige der Kennzeichen dieser auch als Babysprache bezeichneten Sprechweise. Wer sie verwende, laufe Gefahr, die Betroffenen zu entmündigen und respektlos wie kleine Kinder zu behandeln, schreibt Sachweh. Gleichzeitig stellt sie fest, dass manche Heimbewohner die Babysprache sehr wohl mögen. Anderen wiederum sei sie unerträglich. Werde diese Sprechweise verwendet, sollte daher sehr genau auf die Reaktionen der Betroffenen geachtet werden, rät die Linguistin: „Bei den geringsten körpersprachlichen Anzeichen von Missfallen oder Ablehnung sollten sie definitiv wieder dazu übergehen, die BewohnerInnen wie Erwachsene anzusprechen!“ (2006; S.133). Sachweh ist inzwischen als Kommunikationstrainerin für Altenpflegekräfte tätig.
Der Bedarf für Weiterbildungen im Bereich Kommunikation ist da, denn die kommunikativen Anforderungen an Pflegende wachsen ständig. Pflegepraktiker müssen sowohl mit den Betroffenen und ihren Angehörigen als auch mit Kollegen aus anderen Berufsgruppen angemessen kommunizieren und sich zwecks Pflegedokumentation auch schriftlich präzise ausdrücken können. Dabei stehen sie aufgrund der Personalknappheit oft unter großem Zeitdruck. Seit der Einführung der Pflegeversicherung haben die Mitarbeiter minutiös Rechenschaft über jeden einzelnen Arbeitsschritt abzulegen. Gerade unter solchen Arbeitsbedingungen bedarf es geeigneter Kommunikationsstrategien, um die Qualität der Gespräche und nicht zuletzt auch die Beziehung zu den Betroffenen zu verbessern.

Literatur
Kitwood, T. (2000): Demenz. Der Personenzentrierte Ansatz im Umgang mit verwirrten Menschen. Bern: Huber
Powell, J. (2002): Hilfen zur Kommunkation bei Demenz. Köln: Kuratorium Deutsche Altershilfe
Sachweh, S. (2000): «Schätzle hinsitze!» Kommunikation in der Altenpflege. Frankfurt/ Main: Verlag Peter Lang
Sachweh, S. (2006): „Noch ein Löffelchen?“ Effektive Kommunikation in der Altenpflege. Bern: Huber
Bierhoff, Hans-Werner und Dieter Frey (Hrsg.) (2006) Handbuch der Sozialpsychologie und Kommunikationspsychologie. Göttingen.

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