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Achim Beinsen: Freier Journalist und Sozialarbeiter

Der Blick geht hinaus in die Welt

(Langenhagener Echo) Fabrik Langenhagen zeigt Kunst aus der Justizvollzugsanstalt „Werke des Häftlings AB aus der Justizvollzugsanstalt Hannover“ lautet der Titel einer Kunstausstellung, die am Freitag dem 19. Oktober im Foyer der „Fabrik Langenhagen“ eröffnet wurde. Das Repertoire des Malers aus der Haftanstalt reicht von maskenhaften Portraits über sakral wirkende Malereien mit biblisch anmutenden Motiven bis hin zu abstrakten Darstellungen. Daneben gibt es figürliche Bilder, in denen sich der Künstler mit politischen Themen beschäftigt. „Auf dem Weg nach Guantánamo“ heißt eines dieser Werke. Das Motiv zeigt einen orientalisch gekleideten, knienden Mann, der von einem Soldaten mit der Schusswaffe bedroht wird. guantanomo "Auf dem Weg nach Guantanamo" Etwa 50 kunstinteressierte Besucher waren zu der Ausstellung erschienen, den Maler selbst allerdings suchten sie vergebens. „Da fährt die Gefängnisleitung leider einen harten Kurs“, sagte Pastor Ulrich Tietze, der den Mann in der JVA betreut. Weil der Gefangene keine Hafterleichterung bewilligt bekommen habe, dürfe er die Vollzugsanstalt nicht verlassen, erklärte Tietze. Stellvertretend stand deshalb der evangelische Gefangenenseelsorger den Gästen Rede und Antwort. „Wir haben absichtlich kaum Bilder ausgewählt, die mit dem Gefängnisalltag zu tun haben“, erläuterte der 53-jährige Geistliche in seiner Eröffnungsrede. „Wir wollen zeigen, dass der Blick der Gefangenen hinaus in die Welt geht. Die Werke drücken Sehnsucht nach draußen aus. Die Kunst ist so etwas wie ein Ersatz für das eingeschränkte Leben in der Haftanstalt.“ Der Ausstellungsort, die Fabrik Langenhagen, ist eine Einrichtung der beruflichen Bildung. Gewöhnlich werden hier Menschen ohne Arbeit fit gemacht für verschiedene Handwerksberufe. Im Ausbildungsbereich Farbe wurden auch unter den Kursteilnehmern schon künstlerische Talente entdeckt. Einige der hier entstandenen Bilder sind ebenfalls im Foyer der Einrichtung zu sehen. Mit den Bildern aus der Justizvollzugsanstalt hat man sich nun erstmalig einem externen Kunstschaffenden geöffnet. Vor einigen Wochen wurde in der hannoverschen Wohnungslosenzeitung „Asphalt“ an soziale Einrichtungen und andere Institutionen appelliert, Kunst aus der Justizvollzugsanstalt auszustellen. Gerd Benninghofen, Geschäftsführer des Einrichtungsträgers BNVHS (Bildungsverband Niedersächsischer Volkshochschulen), ließ sich das nicht zweimal sagen. Kurzerhand griff er zum Hörer und lud Seelsorger Ulrich Tietze ein, mit Bildern von Inhaftierten in die Fabrik zu kommen. „Der Künstler AB gehört zu jener kleinen Minderheit unter den Gefangenen, die mit den Erfahrungen in der Haft produktiv umgehen kann“, erklärte Pastor Tietze. „Deswegen war klar, dass seine Bilder hier gezeigt werden.“ Der Seelsorger hat Schweigepflicht, deshalb durfte er den Namen des inhaftierten Malers nicht nennen. Das Gleiche gilt für den Grund der Inhaftierung und den erlernten Beruf des Mannes. „Er ist Mitte 40 und sehr gebildet, insbesondere in juristischen Fragen kennt er sich bestens aus“, soviel immerhin konnte Tietze verraten. Auch vor seiner Haftzeit habe er bereits Bilder gemalt. „Er engagiert sich im Kirchenchor und in der Theatergruppe der JVA“, berichtete Tietze weiter. In den letzten zwei Jahren habe der Gefangene beispielsweise die Bühnenbilder für das Theaterprojekt gestaltet und einige Texte für die Aufführung geschrieben. „Über 150 Bilder in verschiedensten Größen und mit den unterschiedlichsten Materialien hat er schon bei uns gemalt“, erläuterte der Pastor. Dafür habe ihm die Gefängnisseelsorge auf der Empore der Anstaltskirche ein kleines Atelier eingerichtet. Dort halte sich der gefangene Maler so oft es geht auf, sagte Tietze. Der Geistliche hielt mit seiner Kritik an der Praxis des derzeitigen Strafvollzugs nicht hinterm Berg: „Die Gefangenen kriegen zunehmend weniger Raum für Beschäftigungen“, sagte er, „der Strafvollzug wird immer mehr zur reinen Verwahrung“. Die Gefangenenseelsorge versuche, das so gut es geht auszugleichen, berichtete der Seelsorger. „Unsere Arbeit kann man nicht mit der Arbeit eines Pastors draußen vergleichen“, sagte Tietze: „Wir fühlen uns nicht nur für die Christen in der Haftanstalt zuständig, zu uns kommen auch Atheisten oder Muslime.“ An den Gruppenangeboten in der JVA nähme allerdings nur eine Minderheit von etwa 30 bis 40 engagierten Gefangenen teil. Pastor Tietze hält es für wichtig, mit der Gefangenenkunst nach draußen zu gehen, weil dadurch die Öffentlichkeit etwas von der Welt hinter Gittern erführe. Und Fabrik-Leiterin Birgit Niendorf freut sich, dass in ihrer Einrichtung mit dieser Ausstellung neue kulturelle Akzente gesetzt werden. Vielleicht wird es in Zukunft ja häufiger ähnliche Veranstaltungen geben, meinte sie. Die Ausstellung ist noch bis Ende November 2007 während der Geschäftzeiten, montags bis freitags 8:00 – 16:00 Uhr, im Foyer der Fabrik Langenhagen zu sehen. Fabrik Langenhagen Am Pferdemarkt 36 30853 Langenhagen
Updated: 17. November 2007 — 15:32

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